railaxed - FRÜHLING 2021

38 Foodblog © Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com; Fotos: Michael Genswaider Wie schnell sich doch der Wind dreht – als lägen Generationen und Welten dazwischen. Mir ist zwar noch nicht klar, warum es un- bedingt eine Krise benötigt, um uns diese äußerst begrüßenswerte sowie köstliche Entwicklung zu bescheren. Die Erde dreht sich zwar genauso schnell wie die Wochen, Monate, Jahre zuvor, doch habe ich den Eindruck, als wäre sie stehengeblieben. Und das nicht zum Nachteil. Denn es wird wieder bewusster und genussvoller über den Teller- rand geblickt. Zusehends lassen wir uns zu mehr saisonalem Genuss hinreißen. Auch mit der regionalen Küche kokettieren wir. Doch: Kannibalisiert der Food-Trend am Ende gar das Bekenntnis zu kompromisslosem, nach- haltigem Verantwortungsbewusstsein? Wie ich finde, hat diese Dynamik weniger mit Trends von morgen oder übermorgen zu tun. Sie ist vielmehr eine Lebensphilosophie. Wir erkennen aus freien Stücken die unschätz- baren Werte außergewöhnlicher regionaler Spezialitäten. Sind verantwortungsvoller mit unserem Nahrungsmittelkonsum geworden. Denken darüber nach, woher unsere Lebens- mittel kommen und welche Auswirkungen es hat, das gesamte Jahr hindurch Erdbeeren kaufen zu können – auch dann, wenn sie in Österreich keine Saison haben und über tau- sende Kilometer Transportweg zu uns kom- men. Die Menschen sind sensibler geworden und bewegen sich auch in der eigenen Küche im Rhythmus der Jahreszeiten. Wir lernen, dass in Verbindung mit regionaltypischen Produkten jede Saison für sich wirklich Groß- artiges bietet. Das zeigt uns nicht nur die Spitzengastronomie. Wenn wir ehrlich sind, lehrte uns das auch schon Oma. Gerade deswegen sollten wir wieder mehr auf sie hören, auch wenn es für manche Menschen altmodisch klingt. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, als wäre es ges- tern gewesen. Samstag war Markttag und der Wiener Brunnenmarkt lag ganz in der Nähe. Meine Oma nahm mich immer mit. Als kleines Mädchen war das für mich wie ein Ausflug in die weite Welt – ein bunter Mix aus orientali- schen Gerüchen, exotischen Früchten und hei- mischen Spezialitäten. Trotz der Vielfalt hatte meine Großmutter ihre Lieblingsmarktstände, bei denen sie immer kaufte. In den Einkaufs- korb wanderte das, was die heimische Natur gerade zu bieten hatte. Das Huhn wurde von der Fleischerei um die Ecke mitgenommen – und zuhause restlos verwertet. Blieb vom Sonntagsschweinsbraten etwas übrig, kam er am nächsten Tag fein aufgeschnitten als kalte Platte auf den Tisch und das Bratenfett aufs Brot. Sie hat mich gelehrt, dass ein Apfel, der nicht mehr in der Hochblüte seines Daseins steht, nicht unbedingt dem ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens zum Opfer fallen muss. Die Resteküche war damals geradezu alltäglich. Heute erkennen wir, dass auch sie es in sich hat und aus ihr völlig Neues und Köstliches entstehen kann. • Im Rhythmus der Jahreszeiten Emotional verwurzelt, frisch auf den Tisch

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