railaxed - FRÜHLING 2021
53 railaxed Frühling 2021 Pflanzenwelt fast direkt vor seiner Haustür. „Begonnen hat alles mit einem harmlosen Spaziergang mit meiner Lebensgefährtin vom Bahnhof Töschling nach Velden zum Einkaufen. Da gibt es einen Weg entlang der Südbahn und des Wörtherseeufers“, erinnert sich Dietmar: „Und da habe ich aus dem Au- genwinkel eine Pflanze gesehen, die meine Neugier weckte. Zuerst habe ich sie für einen ganz normalen stinkenden Storchschnabel gehalten, eine häufig vorkommende Pflan- ze. Aber dann habe ich bemerkt, dass die Staubbeutel gelb gefärbt waren. Und da war ich ganz aufgeregt, weil das überraschender- weise eine Pflanze ist, die ich aus meinem Urlaub im Karst von Triest kenne, den Pur- purstorchschnabel. Insofern spannend, weil wir unseren geplanten Urlaub dort heuer wegen Covid-19 abgesagt haben. Und dann entdecke ich genau diese Pflanze, die ich dort zum ersten Mal gesehen habe, entlang der Bahngleise.“ Eine Entdeckung, die ein ganzes Univer- sum sichtbar machte. Denn die Artenvielfalt an vielen heimischen Bahndämmen und den angrenzenden Flächen ist beeindruckend und immer eine genauere Betrachtung wert. Der Pflanzenflüsterer aus Kärnten jedenfalls ist heute noch überwältigt: „Ich habe viele seltene, geschützte und vom Aussterben bedrohte Arten gefunden, aber auch Pflan- zen aus anderen Regionen und Klimazo- nen der Erde. Für mich ist erstaunlich, wie vielseitig dieser vom Menschen geschaffene Lebensraum ist. Wenn man den Bahndamm mit anderen Kulturräumen wie Wiese, Weide oder Acker vergleicht, so fällt eine höhe- re Biodiversität auf. Das hat damit zu tun, dass es ein Extrembiotop liefert und relativ nährstoffarm ist. Es gibt unterschiedlichste Nischen, die sehr unterschiedliche Pflanzen nutzen. Wir finden Pflanzen aus der Prärie wie den Aufrechten Sauerklee oder aus den Subtropen Südwestasiens wie das große Immergrün. Es gibt Pflanzen aus mediter- ranen Flaumeichenwäldern wie den Finger- steinbrech. Und viele Pflanzen kommen aus dem Mittelmeerraum. Wir haben sogar eine Reihe von Pflanzen, die sich von Süden nach Norden bewegen.“ Aus dem Vollen schöpfen Einer dieser „Neuankömmlinge“ ist der Schöner Pippau aus der Familie der Korbblüt- ler, der sich offenbar auf der Durchreise aus Südtirol befindet. Sensationell ist auch die Entdeckung des Wimper-Federschwingel – ein seltenes Gras, das noch niemand zuvor in Kärnten gesichtet hat. Dietmars Fund der schwer zu bestimmenden Pflanze wurde mittlerweile von zwei Botanikern der Uni- versität Wien bestätigt. Nur verständlich, dass der Forscher nun auf den Geschmack gekommen ist: „Ich werde in den nächsten Jahren die Bahndämme und ihre Pflanzen- welt weiterhin erkunden“, freut er sich und hofft auf weitere Entdeckungen im botani- schen Neuland. Anreisen wird er natürlich mit dem Zug. Denn Bahn fahren schützt das Klima. Und das Gute? Liegt oft näher, als man glaubt. • Für Phyto- Fans Die Artenviel- falt am Bahnhof ist Ihnen nicht genug? Dann gilt es, die Heimat des Kärntner Forschers zu erkunden. Klagenfurt ist für seine pure Natur bekannt und mit dem Zug schnell erreichbar. Der Tipp für alle mit grünem Daumen: der Botanische Garten. Ein grüne Auszeit für alle: Am Fuße des Kreuzbergls gelegen, beheima- tet er auf 12.000 Quadratmetern die gesamte Kärntner Botanik und einige pflanzliche Raritä- ten aus der ganzen Welt. Noch mehr Gleisgeschichten unter oebb.at/ gleisgeschichten „Ich werde die Bahndämme Österreichs und ihre faszinieren- de Pflanzenwelt weiterhin erforschen.“ Dietmar Vogt
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