railaxed - HERBST 2021
63 railaxed Herbst 2021 ch erinnere mich, als wäre es ges- tern gewesen. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und ich war sehr aufgeregt. Heute sollten zum ersten Mal Passagier:innen mit mir reisen. Ich wollte einen guten ersten Eindruck machen und deshalb blies ich kräftig Dampf aus meinem Kessel und ließ ein lautes „Tuuuuut-tuuu- ut“ erschallen. So fuhr ich dampfend und schnaubend in den Bahnhof ein. Aber, ach du Schreck, ich hatte es wohl etwas über- trieben. Die Menschen, die noch nie zuvor eine Dampflok gesehen hatten, starrten mich kreidebleich an. Eine zart besaitete Person fiel sogar bei meinem Anblick in Ohnmacht. Stimmen wurden laut: „Zauberei!“, riefen einige, und „Das muss Magie sein!“. Zu meinem Glück bahnte sich in diesem Mo- ment eine kleine, rundliche Dame ihren Weg durch die Menge. Es war Oma Wetterhex. Als Hebamme und Kräuterkundlerin des Or- tes wurde sie von allen hoch geachtet. „Aus dem Weg, ihr Taugenichtse!“, schnaubte sie ärgerlich. „Keine Zeit für euer abergläubi- sches Geschwätz! Ich muss zum Besenbinder in der nächsten Ortschaft.“ „Frau Wetterhex, ich flehe Sie an, tun Sie das nicht!“ Das war der Bürgermeister. Beherzt stellte er sich Oma Wetterhex in den Weg. „Haben sie denn nicht gehört, dass die Ärzt:innen vor der rasenden Geschwindigkeit der Eisenbahn warnen? Sie könnten dem Wahnsinn verfal- len.“ Aber Oma Wetterhex war eine kluge und gebildete Dame. Entschieden schob sie den Bürgermeister zur Seite, zwinkerte mir aufmunternd zu, schwang sich in meine Leit- warte und schon ging die Fahrt los. Mit einer schier unglaublichen Geschwindigkeit von 25 km/h brausten wir über die blank polier- ten Schienen dahin. Kühe, die neben den Gleisen weideten, blickten uns ungläubig hinterher. Oma Wetterhex kicherte vergnügt und rief: „Was schaut ihr denn so? Nicht, dass euch die Milch noch sauer wird. Hi, hi, hi!“ Für die Strecke von 20 Kilometern brauchten wir nur knapp eine Stunde. Ein Rekord damals. Die Leute am Zielbahnhof staunten nicht schlecht, als Oma Wetterhex vergnügt auf den Bahnsteig sprang. Entge- gen allen ärztlichen Meinungen war sie nicht verrückt geworden. Zumindest nicht verrück- ter als vorher ... Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Leute strömten in die Wagons – alle wollten zuerst rein. Den ganzen Tag fuhr ich von Bahnhof zu Bahnhof, begleitet von dem fröhlichen Gejohle meiner Passagier:innen. Als der Abend dämmerte, rollte ich müde, aber glücklich zurück in Richtung Zug- schuppen. Da stand plötzlich Oma Wetterhex vor mir. In der Hand hielt sie ihren neuen Besen, den sie in der Zwischenzeit vom Besenbinder geholt hatte. „Schönen guten Abend“, grüßte ich sie freundlich, „soll ich dich nach Hause fahren?“ Aber Oma Wetter- hex lehnte dankend ab, schwang sich auf ih- ren Besen und brauste durch die Luft davon. „Mein Besen ist hundertmal schneller als du, denn er wird mit der Energie von Sonne und Wind betrieben!“, kicherte sie und war auch schon aus meinem Blickfeld verschwunden. „Energie aus Sonne und Wind?“, staunte ich ungläubig. „Das kann doch nur Zauberei sein!“ • I Als am Anfang des 19. Jhd. die ersten Lokomotiven zum Einsatz kamen, herrschten noch großes Miss- trauen und viele Vorurteile unter den Leuten. Lehrer Dampf war damals auch dabei und so erzählt er uns heute von seiner ersten Bahnfahrt. Aber ob wir ihm wirklich alles so glauben können?
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