railaxed - SOMMER 2021

57 railaxed Sommer 2021 bis Japan. Dort fährt er mit dem Shinkansen, dem legendären Hochgeschwindigkeitszug – und darf bei knapp 400km/h sogar im Füh- rerstand mitreisen: „Ich habe immer ein Foto von mir dabei gehabt, auf dem ich selbst im Job auf meiner Lokomotive zu sehen bin. Damit habe ich den Kollegen in aller Welt er- klärt, dass ich auch Eisenbahner bin, was mir oft die Türe zum Führerstand geöffnet hat, nicht nur im Shinkansen, sondern auch auf der Transsib und am Amtrak – das ist natür- lich schon etwas ganz Besonderes.“ Den Pazifik von Japan in die USA muss der Weltreisende notgedrungen per Flugzeug überqueren – Schienen übers Wasser wurden leider noch nicht gelegt. Mit dem Amtrak durchquert er die Vereinigten Staaten über die Rocky Mountains von der West- bis zur Ostküste, von dort muss er nochmals eine Fliegeretappe bis London in Kauf nehmen. Von dort geht es natürlich wieder konse- quent per Bahn durch Westeuropa bis zum Wiener Westbahnhof. Doch da die Reise am Südbahnhof ihren Ausgangspunkt hatte, nimmt Bahn-Perfektionist Erhard auch noch die Verbindungsbahn dorthin, „damit sich der Kreis wirklich schließt.“ Die große weite Welt wollte er sich schon immer anschauen, deshalb war sein erster Berufswunsch Lastwagenfahrer. Wie es dann zur großen Leidenschaft für die Bahn kam? „Als ich noch ein Kind war, bin ich öfter mit meiner Oma in Liesing einkaufen gegangen. Es gibt dort eine Brücke über die Südbahn, von der man runterschauen kann. Ich habe meiner Oma immer die Tasche ge- tragen, damit sie bereit war, dort zu warten, bis der Zug kommt. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Hätte ich damals schon ge- wusst, dass ich da einmal selber durchfahren werde – ich hätte mich sehr gefreut." Natür- lich ist Alfred Erhard nicht nur als Passagier mit der Bahn gereist, sondern hat im Laufe einer jahrzehntelangen Lokführerlaufbahn so gut wie sämtliche Lokomotivtypen der ÖBB gesteuert, von der alten Dampflok über Dieselfahrzeuge bis zur modernen Taurus. Speziell die Taurus als heißestes Eisen der ÖBB hatte es Erhard zum Ende seiner Karri- ere besonders angetan, jedoch nicht ganz ohne Hindernisse: „Die dreitägige Ausbil- dung auf der Taurus wollte mir die Bahn zunächst nicht ermöglichen, da es sich nicht mehr gelohnt hätte. Ich wollte die Prüfung in meiner Freizeit machen, aber da legte sich die Gewerkschaft quer. Doch dann konnte ich mir diesen Traum doch noch erfüllen, da ich mich zwei Jahre länger verpflichtet habe und später in Pension gegangen bin, damit es sich für die Bahn auszahlt – und für mich genauso." Eine seiner lustigsten Anekdoten aus einem langen Leben mit den ÖBB? Als er als junger Lehrling einen Gutschein für die Deutsche Bahn erhält, nimmt er einen Atlas und sieht nach, was das Weiteste ist, wo er hinfahren kann. Und nimmt den Zug nach Hamburg. „Ich wollte mir die Reeperbahn anschauen, weil ich gedacht habe, das ist eine Eisenbahn. Aber dann haben mir Leute erklärt, dass das noch nichts für mein Alter ist“, lacht er. • Alfred Erhard War viele Jahr- zehnte als Lok- führer im Dienst der ÖBB tätig. Seine ganze Liebe gilt der Südbahn, auf der er lange unterwegs war – und natürlich war der alte Südbahn- hof sein absoluter Lieblingsbahnhof. Am Anfang seiner Karriere durfte er zwei Jahre lang Dampflokomotiven fahren, da diese doch länger im Dienst blieben als gedacht. Und am Ende seines Berufslebens konnte er sogar noch Bekannt- schaft mit dem damals heißesten neuen Eisen der ÖBB machen: der Tauruslok. Mehr unter: oebb.at/ gleisgeschichten „Als junger Lehr- ling dachte ich sogar, dass die Hamburger Ree- perbahn eine Eisenbahn ist.“ Alfred Erhard

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