railaxed - WINTER 2022

Geschichte, zur eigenen Sicherheit und natürlich auch aus Rücksicht gegenüber den Eigentümer:innen und Verwalter:innen, die den Eintritt ins Innere und Untere gewähren. Mit Erwin, dem Haustechniker der MUK, jedenfalls versteht sich Jerry mittlerweile blendend, er begleitet uns – vorbei an den Proberäumen für Jazzer:innen – in die Tiefe. Ein Netz an Kellern Zuerst fallen mir die Überbleibsel auf: Alte Zeitschriften, Pläne, Plakate und vergessene Fahrscheine zeugen von vergangenen Zeiten, hauchdünn und zart sind sie geworden: „Nichts mitnehmen außer Erinnerungen und Fotos, nichts zurücklassen außer Fuß- abdrücke“, erinnert mich mein Guide – ich bin allerdings bereits ordentlich abgelenkt. Von den behelfsmäßigen Toiletten aus finstern Zeiten und von einer Wendeltreppe, die ins Nichts führt und so eng ist, dass mein Herz schon beim Betrachten rast. Ebenso faszinierend: die Markierungen und Kritze- leien an den Wänden. Die vielen Luftschutz- keller der Inneren Stadt hätten einst ein riesiges unterirdisches Netz bilden sollen – um Eingeschlossenen nach einem Luftangriff Fluchtmöglichkeiten zu bieten, wurden sie untereinander durch gekennzeichnete Mauer- durchbrüche verbunden. Jerry dazu: „Mir geht es nicht nur um den Kick, sondern darum, die Aufmerksamkeit auf längst Vergessenes oder absichtlich Verdrängtes zu richten. Ich will auch die jüngere Generation ansprechen, damit sie mit offenen Augen durchs Leben geht und schätzt, was sie hat.“ Wie seine Leidenschaft begann? Vor neun Jahren fing er an, „Lost Places“, verfallene Orte und Gebäude, in Europa zu erkunden – auch die Ruinen des Kernkraftwerks Tscher­ nobyl waren darunter. Dann konzentrierte er sich auf Bunker-, Keller- und Stollensysteme in Wien – eine Schatzsuche, die ihm schließlich den größten Schatz bringen sollte. Bei der Archäologie-Studentin Tina war es Liebe auf den ersten Blick, heute bestreiten sie die klaustrophobischen Touren durch Wiens Unterwelt gemeinsam und zwängen sich dabei mit einem Lächeln in die engsten Stollen „Wir haben einfach denselben Poscher,“ so Jerry nicht ohne Stolz. Grün und Kohlenschwarz Zurück an der Oberfläche müssen sich meine Augen wieder an die Wintersonne gewöhnen, meine Jacke sollte dringend in die Putzerei und ich zurück ins Warme, um das Erlebte niederzuschreiben. Am Rückweg zum Haupt- bahnhof geht mir noch ein Licht auf: Wir steigen spontan in den Keller eines schicken Wohnhauses in der Spiegelgasse hinab. Jerry strahlt mit seinem Handscheinwerfer die Wände an, dann schalten wir die Taschen- lampen aus. Ein großer, grün phosphores­ zierender Pfeil wird sichtbar, selbst so viele Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges – er sollte bei Stromausfall vorübergehend Orien- tierung bieten. Ich allerdings habe meine Orientierung bereits verloren und bestaune eine alte Kohlenlore mit Schienen im hinteren Teil des Kellers. Zuhause beweist ein Blick in den Spiegel: Das mit dem dreckig kann ich auch. • Tipp Kürzlich erschienen und ein Muss für alle, die sich für die „andere“ Geschichte der Stadt interessieren: Der Historiker und Gründer des Forscherteams „Wiener Unterwelten“, Marcello La Speranza, prä- sentiert in „Wiener Untergrund“ (Sutton Verlag) 50 geheimnisvolle Katakomben, Gruften und Bunker. Eine reich bebilderte Reise in die Vergangenheit. Infos: forscherteam-wiener-unterwelten.at Buchtipp: Wiener Untergrund Runter kommen Wiens Unterwelt ver- birgt hunderte alte Luftschutzkeller, Stol- len, römische Wasser- leitungen und vieles mehr. Diese erkundet Unterwelt-Guide Jerry Plaidl seit Jahren akribisch und teilt die Eindrücke mit seinen vielen Fans im Netz. Seit diesem Winter kann man ihn bei seinen Touren auch begleiten. Infos: eng- feucht-dreckig.com In Sicherheit: Tief unter der Bräunerstraße versteckte man sich im Falle eines Angriffs. Wir finden alte Zeit- schriften und Konserven. Zeugen der Vergan- genheit: Eine Lore für Kohlen und geheim- nisvolle Hinweise an der Wand. Sie dienten der Orientierung. 16 17 railaxed Winter 2022

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