railaxed - WINTER 2023
politischen und gesellschaftlichen Ver- änderungen und wie sie unser aller Leben betreffen. Sprich: Mir geht es weniger um die Daten der historischen Lokomotiven, sondern um die Menschen, die sie bedienten. Ich forsche nicht nur in der bewegten Geschichte der ÖBB, sondern will die Menschen in den Blick rücken, die über Generationen hinweg ihr Rückgrat waren und sind.“ Holzkastenwägen und Fallrohr-WCs Wobei die Lok ein gutes Beispiel dafür ist, wie sich die Zeiten ändern. Die romantische Verklärung einer Dampflok etwa ist für den Historiker durchwegs nachvollziehbar, den- noch möchte er an die schwierigen Arbeits- bedingungen erinnern: „Der Job war an- strengend und durchaus herausfordernd. Auch wenn ein Zug im Vergleich zu heute viel langsamer fuhr“, so Alfred. „Detto hatte das Reisen nichts vom Komfort und der Sicherheit der Gegenwart – eine dritte Klasse, Holzkasten wägen, Fallrohr-WCs, zwischen den Waggon ‚luftige‘ Übergänge auf offenen Plattformen – das alles ist heute undenkbar.“ Damit das kaum Vorstellbare nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet, erinnert er aber nicht nur an Errungenschaften. Bereits im Jahr 2012, also noch lange vor seiner Pensionie- rung, stieg Alfred in die Historienforschung der ÖBB ein. Damals wurde eine Ausstellung zum Thema „Die verdrängten Jahre“ organi- siert, die sich mit der Reichsbahnzeit 1938-45 beschäftigte – diese wanderte durch einige der Landeshauptstädte Österreichs und wurde auch im EU-Parlament in Brüssel gezeigt. Zeitgeschichte ist immer politisch, so auch die ÖBB, weiß Alfred, ganz egal, welche Ge- sinnung gerade herrscht. Auch die Schrecken des Kommunismus möchte er nicht verdrängt und verharmlost wissen und erzählt von seinen vielen Reisen nach Berlin: „Da gab es absurde, riskante und menschenunwürdige Situationen. Und doch werde ich die Freiheit und die Toleranz nie vergessen, die im ehe- maligen West-Berlin herrschten. Das hat mich sehr fasziniert. Wir alle sollten uns der Frei- heiten bewusst sein, die wir heute genießen – und damit meine ich nicht nur die vernetzte Mobilität innerhalb Europas. Wer in Freiheit einschläft, könnte in Ketten wieder auf- wachen. Bleiben wir wachsam.“ 100 Jahre ÖBB: Die Meilensteine Wachsamkeit und Genauigkeit, diese mensch- lichen Eigenschaften werden nun auch bei der Entwicklung eines historischen Archiv-Tools eingesetzt, das in Zukunft dabei helfen soll, die Vielfalt der vorhandenen Dokumente für die Nachwelt zu bewahren. Und wer weiß: Vielleicht gibt es nach den „100-Jahre-ÖBB“- Feierlichkeiten ja wieder mal eine Ausstellung, die Alfred mitgestalten darf. Was dabei nicht fehlen dürfte? „Die nicht so goldenen 1920-Jahre oder der Boom der Autobahnen in der Nachkriegszeit, die Eisenbahnerstreiks unter Dollfuss, die enorme Veränderungen nach sich zogen, und die sich rasant ver- ändernde Technik über die Jahrzehnte. Eines macht mich besonders stolz: Österreichs Vorreiterrolle im Bahnverkehr. Sich für die Renaissance der Nachtzüge zu entscheiden, war ein mutiger, zukunftsweisender Schritt. Mit den Nightjets prägen wir gerade Zeit- geschichte im vereinten Europa.“ Was sich allerdings nicht archivieren lässt, ist ein bestimmtes Gefühl, das Alfred noch zum Ausdruck bringen möchte: „Die ÖBB sind immer eine große Familie gewesen. Aber heute ist sie eine faire, gerechte und moderne Familie.“ • Einsteigen, bitte! Alfred Klein-Wisenberg beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Zeit- und Verkehrsgeschichte. Schon während seiner Laufbahn als Eisen bahntechniker hatte er Gelegenheit, das Ausstellungsprojekt „Verdrängte Jahre – Die Eisenbahn während des Nationalsozialismus 1938-1945“ zu be gleiten. Seit 2020 widmet er sich der historischen Forschung bei der ÖBB Infrastruk tur. Sein aktuelles Buch „Einsteigen, bitte!“ ist eine prachtvoll be bilderte Reise durch die Geschichte der ÖBB und die Welt der Bahn. ÖBB Geschichte lebt: Alfred in der Anlagendokumen- tation, wo man auch historische Katasterpläne vom Bahnhof Semmering findet. In den Regalen stapelt sich geballtes Wissen, das auch bei einer Designausstellung im MuseumsQuartier (re.) demonstriert wurde. Im Blätterwald: Auch Magazine aus den 1930er-Jahren helfen bei der Zeitreise durch die Verkehrsgeschichte. Im Herzen der Anlagen- dokumentation nahe des Wiener Pratersterns vertieft sich Alfred in seine größte Leidenschaft. Die ÖBB Gleisgeschichten … starteten 2018 als zuerst kleine und mittlerweile beachtlich gewachsene Online- Videoserie über außer gewöhnliche und liebenswerte Menschen, die ihre ganz persön liche Bahnleidenschaft teilen wollen. Alle Gleisgeschichten zum Nachschauen unter oebb.at/ gleisgeschichten 48 49 railaxed Winter 2023 Fotos: ÖBB/Marlene Erlacher Fotos: ÖBB/Marlene Erlacher
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