railaxed – SOMMER 2026

VEA KAISER Zur Person Die Schriftstellerin, die mit 23 Jahren ihren ersten Erfolg mit ihrem Buch „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ feierte, wurde 1988 in St. Pölten geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Wien. Die studierte Philo­ login mit Leidenschaft für das Altgriechische erhielt 2024 den internationalen Jonathan- Swift-Preis für satirische und komische Literatur. Im Oktober 2025 erschien ihr vierter Roman „Fabula Rasa“ im Verlag Kiepenheuer & Witsch. In Bewegung Der Zug ist mein Lieblingsbüro Mit 37 Jahren hat die Schriftstellerin Vea Kaiser bereits vier Bücher veröffentlicht. Im Interview verrät die Autorin, wie sie zu Kavaliersdelikten und KI steht, was das Irre an ihrem Beruf ist und dass ihr zweites Buch fast zur Gänze im Zug auf Schiene gebracht wurde. Interview – Michaela Hocek n Ihrem neuesten Buch „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ erschleicht sich eine Frau ein Vermögen als Buchhalterin in einem Traditions­ hotel. Was faszinierte Sie am Konglomerat aus Ruhm und Betrug? Man könnte sagen, sie erschleicht es sich. Man könnte aber auch schreiben: Sie borgt sich, ohne zu fragen, das Startkapital aus, das ihr als alleinerziehende Mutter jede Bank verweigert, um daraus ein eigenes Vermögen aufzubauen. Ruhm und Betrug liegen oft näher beieinander, als man glaubt. Man denke an die schillernden Betrugsfälle der Gegen­ wart. Mich hat an meiner Geschichte fasziniert, dass hier eine Frau ein Verbrechen begeht – oder etwas, das man auch „Kavaliersdelikt“ nennen könnte. Dass es dafür keine weibliche Form gibt, sagt eh schon alles. Viele Menschen träumen davon, ein Buch zu schreiben. Was wären Ihre drei Tipps aus heutiger Sicht? 1. Unmengen lesen. Wirklich Un­ mengen. Nur so entwickelt man ein Gefühl dafür, ob das eigene Geschreib­ sel etwas taugt. 2. Wer gut schreiben will, muss bereit sein, viel Schlechtes zu verwerfen. Dazu Sitzfleisch und Durchhaltevermögen. Geschrieben zu haben, ist meist lustiger, als zu schreiben. 3. Ein Quäntchen Glück. „Latein hilft dem Denken beim Weiterleben.“ ist ein denkwürdiges Zitat von Ihnen. Hat die KI auch das Zeug dazu? Nein. KI ist ein Werkzeug, um bestimmte Arten des Denkens zu ersetzen. Das macht z. B. Abläufe effizienter. Aber wie jedes vom Menschen geschaffene Werkzeug hat auch die KI Grenzen. Und das ist gut so. Sie kann uns vieles abnehmen, vor allem das Langweilige. Das Weiter­ denken bleibt unsere Aufgabe. Was bedeuten Ihnen Lesereisen? Schriftstellerei ist ein bisschen irre: Zuerst sitzt man im stillen Kämmer­ chen, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Ansprache, ohne Feedback. Und dann, mit einem Schlag, ist man jeden Tag unter Menschen. Viele Kolleg:innen hassen das. Ich liebe es. Die Begegnun­ gen mit Leser:innen entschädigen mich für die harte Einsamkeit davor. Bahnreisen: Lieber alleine oder mit Ihrem als „Dottore Amore“ bekannten Ehemann und Ihren zwei Kindern in der Familienzone? Alleine! Der Zug ist mein Lieblings­ büro. Ich fliege mittlerweile fast gar nicht mehr, weil ich nirgendwo so konzentriert arbeiten kann wie auf Schienen. Mein zweiter Roman „Makarionissi“ ist fast vollständig in Zügen entstanden, während ich mit dem ersten auf Lesereise war. Ihre Kurier-Kolumne „Fabelhafte Welt“ unterhält mit Alltag und Familien­ mustern. Fad wird es nie, oder? Doch – und das ist gut so. Lange­ weile ist der Nährboden für Kreativität. Schauen Sie Kindern zu: Wenn ihnen fad wird, kommen sie auf die erstaun­ lichsten Ideen. Vielleicht ist das eine meiner besten Eigenschaften: Dass ich es geschafft habe, aus Langeweile kreativ zu werden – und sie damit gleich wieder abzuschaffen. Woran erfreuen Sie sich? Im Moment glücklich zu sein. Nach vier sehr stressigen Jahren hole ich gerade Luft: Erlebnisse mit der Familie, stundenlang lesen, Sport treiben, liebe Menschen sehen, im Kaffeehaus sitzen. Lange werde ich diese Ruhe vermutlich nicht aushalten. • I 65 64 Foto: Ingo Pertramer Interview railaxed Sommer 2026

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