ÖBB Geschäftsbericht 2025 – Gesamtbericht

17 Zug um Zug in die Zukunft bau sozusagen nur auf halber Strecke zwischen dem Beginn der Planungsarbeiten im Jahr 1998 und der Fertigstellung 27 Jahre später. Bevor die ersten Fahr- gäste einsteigen konnten, wurde die neue Hochleistungsstrecke intensiv getestet. Lokomotiven, Messwagen und Railjets sammel- ten auf 280 Testfahrten mit bis zu 250 Stundenkilometern wichtige Daten. Noch nie zuvor sind Men- schen schneller auf dem Landweg von Graz nach Klagenfurt gereist. Stabile Kosten über drei Jahrzehnte Rekordverdächtig ist auch der lange Atem, den die Projektteams auf- gebracht haben. Über drei Jahrzehnte flexibel auf technologische, politische und gesellschaftliche Änderungen zu reagieren und dabei das große Ganze im Auge zu behalten, dieser Balanceakt ist dem Team gelungen. Einer, der es von Anfang bis zum Abschluss begleitete, ist Gesamtkoordinator Klaus Schneider. Er lenkte die einst kühne Idee in Bahnen. „Tausende Menschen haben über drei Jahrzehnte zusammengearbeitet. Ein Großteil der Teammitglieder hat das Pro- jekt über viele Jahre begleitet. Ein starker Teamgedanke und die geringe Fluktua- tion auf Seiten der drei Projektteams in Graz und Klagenfurt waren entscheidend für den Erfolg“, ist er überzeugt. „Die Kostenstabilität ist ein weiterer Punkt, der unser Projekt von anderen Infra- strukturprojekten dieser Größenordnung abhebt“, erklärt er. Im ersten Koralmbahn-Ver- trag 2004 betrug der Kostenansatz 5,4 Milliarden Euro. Bei Ab- schluss waren es 5,9 Milliarden – wobei die Kosten für den ursprüng- lich nicht einkalku- lierten Flughafen- ast bei Graz 500 Millionen Euro betrugen: eine Punktlandung. 74.000 Jahres-Ar- beitsplätze hat der Bau der Koralmbahn seit 1996 geschaffen. Nachhaltig gebaut Ein Projekt dieser Dimension bietet auch ein großes Forschungs- und Versuchs- feld. In Kooperation mit technischen Universitäten wurden unterschiedlichste Bauverfahren getestet. Bei den Bau- arbeiten setzte man auf umweltfreund- liche Technologien, innovative Logistik und ressourcenschonende Maßnahmen. So wurde etwa Ausbruchmaterial über Förderbänder abtransportiert und wie- derverwertet, zum Beispiel als Zuschlag- stoff für den Beton der Tunnelschalen oder für Bahndämme. Anlieferungen und Abtransporte wurden wann immer möglich per Bahn erledigt, um Lkw-Fahr- ten zu vermeiden. Für die durch den Bau versiegelten Flächen wurden ökologische Ausgleichsflächen geschaffen. Kommunikation auf Schiene Eine neue Dimension erreichte auch die Kommunikation rund um das Projekt. „Wir haben wirklich alles unternommen, um das Verständnis und die Akzeptanz der Anrainer:innen zu gewinnen“, sagt Klaus Schneider. Gelungen ist dies zum Beispiel durch eigene Bürgerforen, Infowelten, Ausstellungen oder die stark nachgefragten Baustellenbesich- tigungen. „Es gibt wohl kaum Anwoh- ner:innen, die während der Bauphase nicht zumindest ein Mal vor Ort waren“, vermutet er. Europa vernetzt sich über die Koralmbahn Die Koralmbahn ist nicht als isoliertes nationales Infrastrukturprojekt zu sehen. Sie ist Teil der neuen Südstrecke, der mo- dernsten Trasse Österreichs. Als Abschnitt des Baltisch-Adriatischen Korridors zählt diese wiederum zu den bedeutendsten Infrastrukturprojekten Europas. Dieser verbindet wichtige Seehäfen im Norden und Süden Europas mit den aufstreben- den Industrieräumen in Mitteleuropa und gilt als eine der Hauptschlagadern unserer Wirtschaft. So stärkt die Achse Wirt- schaftsströme zwischen Polen, Tschechien, Österreich, Italien und auch dem Balkan. Das nächste Puzzleteil in diesem Kontext ist bereits in Planung: Der Aus- bau einer zweigleisigen Neubaustrecke zwischen Frohnleiten und Graz soll langfristig die Fahrzeit weiter verkürzen und ausreichend Kapazitäten entlang der Südstrecke sicherstellen. Nach dem Großprojekt ist also vor dem Großpro- jekt – und die Bahnfahrer:innen dürfen sich auch in Zukunft auf „eisenbahn­ historische“ Momente freuen. < Chronologie des Jahrhundert- projekts 1991: Die TU Graz führt mit der „Südostspangenstudie“ eine erste Studie über die Verbindung Wien – Klagenfurt durch 2008: Offizieller Baustart der Hauptabschnitte 2010: Beginn der Tunnelvor­ triebe beim Koralmtunnel 2020: Finaler Durchschlag des Koralmtunnels 2023–2025: Testbetrieb und Probefahrten 14. Dezember 2025: Fahrplan- wechsel und Start des regu­ lären Personenverkehrs BAHNHOF ST. PAUL. Moderne Mobilitätsdrehscheibe zwischen zwei Tunneln MEHR dazu im L agebe richt a uf Seite LB9, LB21, L B24, LB91

RkJQdWJsaXNoZXIy NTk5ODUz