F&E-Jahresbericht 2024 – ÖBB-Infrastruktur AG

15 DIEWALD: Österreich ist in Bereichen wie Mechatronik und Bahnsystemtechnik hervorragend aufgestellt – das zeigt sich auch im internationalen Vergleich. Gleichzeitig unterschätzen wir manchmal unsere eigenen Stärken. Es gibt viele sogenannte „Hidden Champions“, auch im Bereich der Digitalisierung und künst­ lichen Intelligenz, die oft zu wenig wahr­ genommen werden. Genau hier sehe ich auch den Verband der Bahnindustrie in einer aktiven Rolle, diese Vorreiter sicht­ bar zu machen und gezielt zu unterstüt­ zen. Es braucht in der Forschungs- und Förderlandschaft stärkere Impulse, etwa durch Leuchtturmprojekte, die komplexe Themen greifbar machen. So wie der Digitale Zwilling für Innovation steht, brauchen wir auch im Bereich Cyberse­ curity Projekte mit Signalwirkung. Mir scheint, hier ist das Bewusstsein oft noch zu gering. Das müssen wir ändern, wenn wir langfristig wettbewerbsfähig bleiben wollen. PETRASCHEK: Oft scheitert die Umset- zung nicht an der Qualität der Ideen, sondern an den Rahmenbedingungen, sei es durch fehlende Experimentier- möglichkeiten, begrenzte Förderzu- gänge, regulatorische Hürden oder mangelndes Fachpersonal. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Stellhebel für erfolgreiche Forschung und Entwicklung in der Bahnindustrie? DIEWALD: Erfolgreiche Forschung und Entwicklung braucht vor allem eines: enge Zusammenarbeit zwischen Bahn­ betreibern, Infrastrukturunternehmen, Industrie und Forschung. In Österreich haben wir mit dieser Konstellation eine hervorragende Ausgangsbasis – ein Innovationsökosystem, das in Europa seinesgleichen sucht. Und dennoch se­ hen wir in der Praxis Hürden: Es fehlt an realen Testmöglichkeiten, an vereinfach­ ten Ausschreibungsbedingungen und mitunter an klaren wissenschaftlichen Strukturen. Auch das Wettbewerbs­ recht erschwert – anders als in den USA oder China – oft Kooperationen, die für schnelle Innovationszyklen notwendig wären. Forschung und Entwicklung sind immer mit hohem Ressourcenein­ satz verbunden. Deshalb müssen wir vorhandene Strukturen klug bündeln und gezielt stärken. Wir als Vertreter der Bahnindustrie in Österreich sehen uns hier als Plattform, Impulsgeber und Brückenbauer. PETRASCHEK: Was sind die Wünsche der Bahnindustrie an die Infrastruktur­ betreiber in Europa? DIEWALD: Frühzeitige Einbindung ist entscheidend, um Innovationen wirk­ sam umzusetzen. Gleichzeitig braucht es gezielte Möglichkeiten, um neue Technologien unter realen Bedingungen zu testen, etwa in Pilotanwendungen und abseits des hoch frequentierten Netzes. Leider erleben wir immer wieder, dass Innovationsprojekte an komplexen Entscheidungswegen oder Wettbewerbs­ überlegungen scheitern. Das bremst Innovation aus. Deshalb brauchen wir Experimentiermöglichkeiten, damit wir zur richtigen Zeit die richtigen Techno­ logien bereitstellen können. < CHRISTIAN DIEWALD. „Es braucht reale Testumgebungen und bessere Rahmen- bedingungen für F&E.“ THOMAS PETRASCHEK. „Österreichs F&E-Landschaft muss den internationalen Innovationsvergleich nicht scheuen.“

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