F&E-Jahresbericht 2024 – ÖBB-Infrastruktur AG

THOMAS PETRASCHEK: Forschung und Entwicklung sind ein zentraler Pfeiler für die Zukunftsfähigkeit der Bahn. Nur durch gezielte Innovationsinitiati- ven kann die Branche neue Produkte, Services und Technologien hervorbrin- gen, die nicht nur die Mobilität von morgen gestalten, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des Industrie- standorts Österreich sichern. Welche Themenfelder im Bereich Forschung und Entwicklung sehen die Mitglieder Ihres Verbands derzeit als besonders relevant für die Bahnindustrie an? DIEWALD: Zwei zentrale Schwerpunkte sehen wir aktuell bei der Energieeffi­ zienz und alternativen Antriebstech­ nologien. Gerade auf Regionalbahnen eröffnen Batterie- oder Wasserstoffzüge neue Möglichkeiten. Die Entwicklungen der letzten Jahre in diesem Bereich sind beeindruckend. Und wir können auch von der Automobilindustrie lernen, wenn es um Mengeneffekte geht. Ein weiterer Schlüsselbereich ist die Digi­ talisierung. Heute stehen wir vor der Herausforderung, enorme Datenmengen dank künstlicher Intelligenz sinnvoll nutzbar zu machen, etwa im Bereich Predictive Maintenance. Damit einher geht auch die Lebenszyklusoptimierung. Wir sind der Meinung, es braucht ent­ sprechende Rahmenbedingungen und insbesondere reale Testmöglichkeiten, wofür sich der Verband der Bahnindust­ rie klar einsetzt. PETRASCHEK: Gibt es rückblickend aus Ihrer Sicht auch Entwicklungen, bei denen man heute vielleicht sagen würde, das war technologisch zu ambitioniert oder nicht ausreichend praxistauglich gedacht? Etwa im Be- reich hochkomplexer, sensorgestützter Systeme wie bei Weichen – die unter anspruchsvollen Umweltbedingungen funktionieren müssen und teils sehr kostenintensiv sind? DIEWALD: Rückblickend lassen sich manche Entwicklungen durchaus kritisch betrachten. Ich denke etwa an die Einfüh­ rung des European Train Control Systems (ETCS). Das System hatte das Potenzial, den europäischen Bahnverkehr grundle­ gend zu modernisieren. Doch in der Um­ setzung gab es dann zu viele Varianten, was letztlich zu einer Fragmentierung ge­ führt hat. Da müssen sich alle Beteiligten, von der Industrie über Betreiber bis hin zu den Behörden, selbstkritisch hinterfragen. Es zeigt, wie tief verwurzelte nationale Denkmuster eine gemeinsame europäi­ sche Lösung erschweren können. Umso wichtiger ist es, aus solchen Erfahrungen zu lernen und künftige Projekte mit mehr Abstimmung, Klarheit und europäischem Denken anzugehen. PETRASCHEK: Österreich verfügt in vielen Bereichen über eine qualitativ starke Forschungs- und Innovations- landschaft. Gleichzeitig zeigt sich, dass Themen wie Digitalisierung, Cybersecurity, künstliche Intelligenz oder autonome Systeme international teils schneller voranschreiten. Sehen Sie hier Nachholbedarf? CHRISTIAN DIEWALD. „Innovation soll systemdienlich und nutzer:innenorientiert sein – nicht immer nur ein Wettbewerbsvorteil.“ »Der Wettbewerb sollte uns antreiben, nicht abschotten.« CHRISTIAN DIEWALD

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