F&E-Jahresbericht 2024 – ÖBB-Infrastruktur AG
13 DIEWALD: Der Verband der Bahn industrie steht für eine klim abewusste Industrie, das bleibt auch in Zeiten globaler Krisen unser Anspruch. Unsere Produkte sind Teil der Lösung. Steigende Stahlpreise und geopolitische Unsicherheiten fordern unsere Wettbewerbsfähigkeit heraus. Die Antwort darauf müssen Investitionen in Forschung und Innovati on sein, etwa in alternative Materialien und effizientere Antriebssysteme. Die großen Zukunftsthemen wie Dekarbo nisierung und Digitalisierung dürfen wir trotz Sparvorgaben nicht aus dem Blick verlieren. Verschiebungen wie bei der Elektrifizierung sind ein Warnsignal. Jetzt gilt: Pläne anpassen, Innovation ermögli chen und langfristig und vorausschauend denken. RETTL: Die EU-Kommission sieht beim Fortschritt der Harmonisierung im eu- ropäischen Bahnsystem Nachholbedarf – unter anderem aufgrund hoher Be- schaffungskosten, fehlender Kompati- bilität und Wettbewerb durch proprie- täre Systemlösungen. Technologische Entwicklungen seien nicht immer ausreichend an den praktischen Bedürfnissen der Nutzer:innen ausgerichtet. Teilen Sie diese Einschätzung? Und braucht es eine engere Zusammenarbeit zwischen Industrie, Infrastrukturbetreibern und Fahrzeughaltern, um etwa Techno- logien wie ETCS breiter verfügbar zu machen? DIEWALD: Die Bahn wurde historisch nicht als verbindendes, sondern als nationales Versorgungssystem gedacht – das spüren wir bis heute. Als Indus trie müssen wir selbstkritisch anerken nen: Wir haben durch individuelle, oft proprietäre Lösungen zur Komplexität beigetragen. Es braucht mehr Zusam menarbeit zwischen Industrie, Bahn betreibern, Verwaltung und Politik und einen pragmatischeren Zugang. Wir müssen gemeinsam klären: Was kann die Industrie leisten? Was braucht der Betreiber wirklich? Innovation sollte dabei nicht nur als Wettbewerbsvorteil gesehen werden, sondern als Beitrag zur Effizienz und Zukunftsfähigkeit des gesamten Systems Bahn. RETTL: Sollte die Europäische Eisen- bahnagentur, ERA, als Architektin des Future-Rail-Systems eine aktivere Rolle übernehmen? Und sind die aktuellen europäischen Instrumente wie das Europe´s Rail Joint Undertaking mit dem System Pillar und dem Innovation Pillar mit den zugehörigen F&E&I-Initi- ativen die richtigen Werkzeuge? DIEWALD: Die ERA ist prädestiniert dafür, eine führende Rolle in der Gestaltung des zukünftigen europäischen Bahnsys tems zu übernehmen. Es braucht klare Verantwortung, strategische Führung und den Mut zu Entscheidungen. Wenn die europäische Bahn im Wettbewerb mit Straße und Luftverkehr bestehen will, müssen wir gemeinsame Standards und Strukturen zügig umsetzen. Kom promisse dürfen nicht zum Stillstand führen – Europa braucht hier mehr Entschlossenheit. CHRISTIAN DIEWALD. „Dekarbonisierung und Digitalisierung dürfen trotz Spardrucks nicht zurückgestellt werden.“ Infobox Der Verband der Bahnindus trie hat mehr als 50 Mitglieds- unternehmen und vertritt über 34.000 Beschäftigte, die direkt oder indirekt der Schienen verkehrs-Zulieferindustrie zuzu ordnen sind. Die Bruttowert- schöpfung beträgt über 3 Milliarden Euro. >
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