ÖBB Geschäftsbericht 2022
13 die verschobenen Grenzen verändern sich die Hauptrouten der Eisenbahn. Während sich die Mobilität in der Monarchie verstärkt an der Nord-Süd-Richtung orientierte, ist nun in Deutsch-Österreich die „Ost-West-Richtung“ bestimmend, wobei die Hauptstadt Wien damit auch am östlichen Rand des Staatsgebietes zu liegen kommt. Als erste Organisationsform wurden die „Deutsch-Österreichischen Staatsbahnen“ ge- gründet. Sie standen unter der Führung des Österreichischen Staatsamtes für Verkehrswesen. Nach dem Friedensvertrag von St. Germain wurde die Bezeichnung im September 1919 in „Österreichische Staatsbahnen“ geändert. In der Betriebsabwicklung ergaben sich durch den ek- latanten Kohlemangel große Herausforderungen, da die zum Antrieb der Dampflokomotiven notwendige Kohle nach Kriegs- ende zu erhöhten Preisen importiert werden musste. Eine der ersten und vorrangig großen Aufgaben nach Kriegsende war die Rückbeförderung Hunderttausender Armeeangehöriger in ihre Heimatgarnisonen. Eine Aufgabe, die dadurch erschwert wurde, dass viele Lokomotiven, Reisezug- und Güterwagen an die Bahnverwaltungen der Nachfolgestaaten der Monarchie verteilt werden mussten. Zugleich waren die Personalkapazi- täten an die neuen Organisationsformen anzupassen. 1921 erhielt das Unternehmen dann einen neuen Namen und sollte von nun an als „Österreichische Bundesbahnen“ bezeichnet werden. Allerdings stand die Bahn damals noch unter der Ho- heit des Ministeriums für Handel und Verkehr. Durch Vorschrei- bungen des Völkerbundes wurde 1922 eine Reorganisation des Eisenbahnwesens in Österreich gestartet. Nach langen Debat- ten wird am 19. Juli 1923 ein Gesetz zur Umwandlung des Unternehmens zu einem „eigenen Wirtschaftskörper“ erlassen. Das Gesetz tritt mit 1. Oktober in Kraft, woraus sich auch das Gründungsdatum des Unternehmens ergibt. Zeitgleich schwelt bereits seit 1921 ein Markenstreit mit der schweizerischen privaten „Oensingen-Balsthal-Bahn AG“, was dazu führt, dass die neuen „Österreichischen Bundesbahnen“ ihre Fahrzeuge mit dem Kürzel „BBÖ“ beschriften müssen. 1923 bis 1938. Gründung und Anfangsjahre Nach der Neugründung der ÖBB stand das Unternehmen durch eine ungenügende Ausstattung mit Finanzmitteln sofort unter hohem wirtschaftlichem Druck. Von Regierungsseite wurde deshalb eine Personalreduktion von 25 Prozent innerhalb von fünf Jahren angeordnet. So sollte am Ende der Gesund- schrumpfung ein Aktivstand von rund 100.000 Personen er- reicht werden. Ebenso war es das Ziel, durch die Umsetzung des bereits 1920 beschlossenen ersten „Elektrisierungsprogrammes“* eine wesentlich wirtschaftlichere Betriebsführung zu ermög- lichen. Der Lobbyismus diverser Gruppierungen aus Wirtschaft und Politik brachte jedoch das ambitionierte Programm zum Erliegen. Nach der Fertigstellung des ersten Elektrisierungspro- grammes 1927 kam es für einige Jahre zu keinem weiteren Ausbau elektrischer Streckenabschnitte. Die allgemeine Wirtschaftskrise und der Börsenkrach von 1929 verschlech- > ÖBB RAILJET. Der ÖBB Premiumzug für den Fernverkehr ist mittlerweile der Inbegriff der ÖBB Qualität und auch der erste aus der „Jet-Serie“ * Ursprüngliche Bezeichnung für Elektrifizierungsprogramm.
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