ÖBB Geschäftsbericht 2022
#RichtungZukunft 14 terten die wirtschaftliche Lage des jungen Unternehmens zusätzlich. Die Ausschaltung des Parlaments und die Einführung des autoritären Ständestaates im März 1933 hatte natür- lich auch direkte Auswirkungen auf die ÖBB. Die eher „links orientierten“ Bediensteten werden mit einer de facto verord- neten Zwangsmitgliedschaft in der „Vaterländischen Front“ zur Änderung ihrer Lebenseinstellungen gezwungen. Während des Bürgerkrieges im Februar 1934 sind mehrere Panzerzüge im Raum Wien unterwegs und beschießen die Gemeindewoh- nungen der sogenannten „Aufständischen“. Diese absurde Maßnahme zog Opfer auf beiden Seiten nach sich. Als weitere Folge des Bürgerkrieges wurde die Sozialistische Partei und alle ihre Unterorganisationen verboten. Das wiederum sollte die Einparteienregierung festigen. Um der sprunghaft gestiegenen Arbeitslosigkeit zu begegnen, werden über Staatsanleihen finanzierte Infrastrukturausbaumaßnahmen eingeleitet. Neben Straßenverkehrsprojekten können so weitere Bahnstrecken – wie etwa die Tauernbahn – errichtet werden. Zusätzlich wurde auch ein Bauprogramm für Personen- und Güterwagen gestar- tet. Eine dringend notwendige Maßnahme, um den überalter- ten Wagenpark zumindest teilweise zu erneuern. 1938 bis 1945. Die Kriegszeit Schon fünf Tage nach dem „Anschluss Österreichs an das Deut- sche Reich“ werden die ÖBB-Mitarbeiter:innen in die Organisa- tion der Deutschen Reichsbahn überführt und auf den „Führer“ vereidigt, sodass mit ihrer Hilfe der Verkehr auf den als „Ost- mark“ bezeichneten Strecken des ehemaligen österreichischen Staatsgebiets abgewickelt werden kann. Angehörige jüdischen Glaubens werden umgehend entlassen, viele politische Günst- linge sowie „alte Kämpfer“, die fanatisch die NS-Ideologie verbreiten, finden einen neuen Arbeitsplatz. Im Zuge dessen erhöhen Rüstungsbetriebe umgehend ihre Produktion. Diese Ausbaupläne zogen vielerorts Maßnahmen der Reichsbahn (mehr Strecken, mehr Züge) nach sich, um auf diese Weise die wachsenden Transporte im Reisezug- sowie Güterverkehr abwickeln zu können. Und auch im nicht mehr allzu fernen Zweiten Weltkrieg sollte die Bahn eine entscheidende Bedeu- tung spielen. Der Angriffskrieg 1939 auf Polen wäre ohne die Transportabwicklung der Deutschen Reichsbahn de facto nicht möglich gewesen. Bei den laufenden Rüstungstransporten wurde bis zur Befreiung Europas durch die Alliierten 1945 auf die Bahnlogis- tik zurückgegriffen. Die zugeteilten Aufgaben waren mannig- faltig: Von den Fronten wurden Zwangsarbeiter:innen sowie Plünderungsgut, vor allem aus den besetzten Ostgebieten, nach Großdeutschland gebracht, Verwundete, Kranke sowie Kriegsurlauber mussten ebenfalls befördert werden. Und neben Sonderzügen für Regierungs- und speziell Wehrmachtsstellen kam es auch zum dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Deutschen Reichsbahn: die Verbringung von Kriegsgefangenen sowie die Deportation jüdischer Mitbürger:innen und anderer Verfolgter wie Sinti und Roma sowie von Regimegegner:in- nen in die Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reiches. In den letzten Wochen des Krieges wurden trotz aller widrigen Betriebszustände noch zahlreiche Räumungs- und Evakuierungstransporte Richtung Westen abgewickelt. Nicht zuletzt deshalb waren die Eisenbahnanlagen ein besonderes strategisches Ziel der alliierten Luftangriffe. Eine nachhaltige Zerstörung sollte eben diese Transporte massiv beeinträchtigen und letztendlich verhindern. Neben Sonderzügen für Regierungs- und Wehrmachts- stellen kam es auch zum dunkelsten Kapitel in der Geschichte: die Verbringung in Konzentrations- und Vernichtungslager. WEHRMACHTSTRANSPORT während des Zweiten Weltkrieges, um 1940 ELEKTROLOKOMOTIVE 1100 (1089) von 1923, genannt das Krokodil
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