ÖBB Geschäftsbericht 2023
Konzernlagebericht 62 Marktumfeld Schieneninfrastruktur Die Betriebsleistung im Netz der ÖBB-Infrastruktur AG ist ein weiteres Jahr in Folge gewachsen. Insgesamt betrug der Zuwachs bei den Zugkilometern 1,3%, womit ein neuer Rekordwert erreicht wurde. Das Niveau des Vor-Corona-Jahres 2019 wurde damit bereits um 6,0% überschritten. Verantwortlich dafür ist ausschließlich der Zuwachs des Personenverkehrs. Hier betrug das Plus bei den Zugkilometern 3,2%. Im Güterverkehr machte sich hingegen bereits die Abkühlung der Konjunktur in Europa und Österreich bemerkbar. Das Minus in der Betriebsleistung im Jahresvergleich betrug 3,6%. Im Vergleich zum Niveau des Jahres 2019 ist dies immer noch ein Rückgang um 3,2%. 37 Bemerkenswert sind in diesem Jahr Anzahl und Ausmaß diverser Störungen durch Sonderereignisse und Unfälle auf wichtigen Infrastrukturen in den Nachbarländern, die sich auf den heimischen Bahnverkehr auswirkten. Besonders davon betroffen war das sogenannte „Deutsche Eck” zwischen Salzburg und Kufstein – wichtig für den österreichischen Ost- West-Bahnverkehr. Dort kam es neben den geplanten Baustellen zwischen Februar und Mai 2023, im August 2023 und im Oktober 2023 auch zu einigen außerplanmäßigen Ereignissen. Ende Jänner 2023 brannte eine Rangierlokomotive nach kilometerlanger „Geisterfahrt” im Bahnhof Freilassing aus. Das führte in der Folge für einige Tage zu massiven Einschränkungen im grenzüberschreitenden Nahverkehr. Im August 2023 kam es zum Brand eines Bauzuges in der Gegend von Traunstein. Dieser hatte eine mehrtägige massive Einschränkung am gesamten deutschen Eck zur Folge. 38 Am 10.08.2023 entgleiste ein Güterzug in der Weströhre des Schweizer Gotthardtunnels. Diese musste darufhin mehrere Monate für den gesamten Bahnverkehr gesperrt werden. Auch die Oströhre war bis Ende August 2023 nicht befahrbar. Gemeinsam mit der planmäßigen baubedingten Sperre der Brennerstrecke bedeutete dieses Ereignis somit eine massive Beeinträchtigung des alpenquerenden Bahnverkehrs. Am 23.08.2023 konnte zumindest der Güterverkehr über die Oströhre wieder aufgenommen werden. Die Freigabe für den Personenverkehr erfolgte Ende September 2023, allerdings weiterhin nur für eine reduzierte Zahl an Zügen im eingleisigen Verkehr. 39 Die Unwetterereignisse im Jahr 2023 sorgten nicht nur in Österreich für teils schwere Schäden an der Infrastruktur sowie für Behinderungen im Bahnpersonen- und Güterverkehr. So wurde der Bahnverkehr in und über Slowenien durch die Unwetter Anfang August 2023 wochenlang massiv beeinträchtigt. 40 Dennoch konnte am 14.08.2023 plangemäß der 3,7 km lange Neubauabschnitt der Strecke zwischen Maribor und Šentilj in Betrieb genommen werden. Dieser bildet den Zulauf zur österreichischen Staatsgrenze in Spielfeld ist damit ein wichtiger Bestandteil der baltisch-adriatischen Achse. 41 Ein aus geografischer Sicht weiter entferntes Infrastrukturprojekt ist die sogenannte „Rail Baltica”. Es ist aber für Europa gerade nach den Entwicklungen rund um den Ukrainekrieg umso bedeutender. Dabei handelt es sich um die Errichtung eines zweigleisigen Korridors in europäischer Normalspur. Er soll die Hauptstädte der baltischen Staaten via Białystok in Polen direkt an das europäische Schienennetz anbinden. Hier wurde im Jahr 2023 die Trassenführung in Litauen vom Kaunas bis an die polnische Grenze festgelegt. Das Projekt wird mit Mitteln der EU-Connecting-Europe-Facility (CEF) gefördert. Es ist Teil des baltisch-adriatischen TEN-T-Korridors, der in der Endausbaustufe von Ancona in Italien – mit einem Seetransfer über den Finnischen Meerbusen – bis nach Helsinki führen soll. 42 Die sogenannten transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-T) wurden 2013 mit der EU-Verordnung 1315 / 2013 geschaffen. Diese Verordnung umfasst mehrere Verkehrsmodi und priorisiert Ausbauaktivitäten im europäischen Transportnetz durch die Festlegung unterschiedlicher Netzebenen. Aktuell befindet sich die Verordnung gerade in Überarbeitung. Seit 2021 liegt der ambitionierte Gesetzesvorschlag der EU-Kommission vor. Aus ÖBB Sicht ist die vorgesehene Einführung einer neuen Netzkategorie „erweitertes Kernnetz” für die europäischen Transportkorridore positiv hervorzuheben. Dafür wurde ein Umsetzungshorizont bis 2040 definiert. Dabei sollen die Pyhrn- und Tauernstrecke in diese neue Kategorie aufgenommen werden. Der zuständige federführende Ausschuss im EU-Parlament war der Ausschuss für Verkehr und Tourismus. Im Zuge der Trilogverhandlungen haben die EU-Institutionen im Dezember 2023 eine vorläufige Einigung über die überarbeitete Verordnung erzielt. Die Veröffentlichung des finalen Gesetzestextes wird für April 2024 erwartet. Ein weiteres wichtiges Dossier auf EU-Ebene beschäftigt sich mit der Verbesserung des Kapazitäts- und Verkehrsmanagements auf europäischer Ebene. Diese neue Verordnung ersetzt Verordnung 913 / 2010 zur Schaffung eines europäischen Schienennetzes für einen wettbewerbsfähigen Güterverkehr. Und sie ändert die Richtlinie 2012 / 34 zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Eisenbahnraums ab. Ihr Fokus ist die Verbesserung von nationalen und europäischen Prozessen, u. a. um mehr Kapazität auf bestehender Bahninfrastruktur zu schaffen. Der Kommissions- vorschlag wurde 2023 veröffentlicht. Aus ÖBB Sicht ist die Orientierung an Sektorinitiativen wie Timetable Redesign (TTR) positiv hervorzuheben. Der zuständige federführende Ausschuss im EU-Parlament ist der Ausschuss für Verkehr und Tourismus. Abhängig von den Verhandlungen zwischen EU-Kommission, EU-Parlament und Rat wird der finale Gesetzestext für Ende 2025 erwartet. 37 ÖBB Infrastruktur. 38 Tiroler Tageszeitung, BR24. 39 Süddeutsche Zeitung, SRF. 40 RCG. 41 Eisenbahn Aktuell. 42 LOK-Report. | LB17
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