railaxed - HERBST 2022

der Fähre nach Japan. Von dort aus reiste er – wieder mit der Fähre – nach China. Durch China und Vietnam ging es wieder mit dem Zug und letzten Endes am Landweg bis nach Thailand. Acht Monate war er unterwegs – allein. Einsam war er dennoch nie. Dialog ohne Worte „Anfangs war ich mir unsicher, ob es eine gute Idee ist, eine derartige Reise ganz allein anzutreten, aber bald war mir klar: Man versäumt etwas, wenn man beispielsweise ein Abteil für sich allein bucht oder immer mit denselben Leuten unterwegs ist. Es ist wie ein Würfelspiel: Du weißt nie, welche Menschen dich das nächste Stück deines Weges begleiten werden“, erzählt Liebenberger. Auf diese Weise tritt man mit Leuten in Kontakt, die man unter anderen Umständen nie kennengelernt oder angesprochen hätte. „Eine für mich sehr prägende Begegnung hatte ich mit einem Tschetschenen, mit dem ich drei Tage lang gemeinsam im Abteil unterwegs war. Wir konnten uns nur mittels Mimik und Gestik unterhalten. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie viel Spaß und welch eine gute Zeit man trotz Sprachbarrieren haben kann. Es führt zu einem ganz besonderen Einlassen auf das Gegenüber, geht vielleicht sogar tiefer, als es ‚bloße‘ Kommunikation mittels Worten ermöglicht“, führt er aus. Konstante Veränderungen Diese besonderen Begegnungen mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten, Geschichten und Schicksalen sind es, die den Bahn­ enthusiasten so begeistern. Wie auch die ständigen Veränderungen des direkten Um­ felds, die sich beim Bahnfahren auf einzigartige Baikalsee in Sibirien: Das Herz des „Andersreisenden“ schlägt besonders stark für den asiatischen Raum. Weise erleben lassen, wie Gerhard Lieben­ berger lebendig beschreibt: „Wenn ich mit dem Zug reise, werden Veränderungen für mich mit allen Sinnen erlebbar. Menschen kommen und gehen. Dialekte verändern sich schon innerhalb Österreichs, Landschaften sowieso, und auch die wechselnden Geruchserfahrungen sind spannend, wie etwa frische, herrliche Waldluft, die plötzlich in den Wagon strömt. Fährt man dann über die Grenze in die Schweiz oder nach Polen, werden einem völlig neue Eindrücke zuteil. Reisen durch Russland oder Asien sind natürlich wieder eine ganz andere Welt.“ Ist Bahnreisen demnach intensiver und macht ein ganzheitlicheres Reisen und Ankommen möglich? „Ich persönlich sehe das weniger spirituell. Aber es ist schon so: Wenn man mit dem Zug reist, kommt man gedanklich nach. Man überwindet nicht – wie im Flugzeug – tausende Kilometer in kurzer Zeit und ist plötzlich in einer anderen Welt. Ich reise bewusster, nehme die Entfernungen intensiver wahr, lerne die Länder, die ich besuche, auf eine sehr umfassende Weise kennen.“ Bewusst wahrnehmen Das wirft die Frage auf, ob er lieber auf schnelle oder auf langsame Züge setzt. „Ich würde es so formulieren: Je langsamer die Züge sind, desto abenteuerlicher gestaltet sich die Reise.“ Natürlich kennt er auch das Gefühl, mit 350 km/h Geschwindigkeit von Peking nach Shanghai zu düsen. „Eine Fahrt mit einem Hochgeschwindigkeitszug ist ein Erlebnis. Aber – wie schon erwähnt – man verliert komplett das Gefühl für Entferungen. Ich reise lieber mit weniger Tempo“, stellt er fest. Ob rasant oder gemächlich: Die Kilometer, die Liebenberger bereits auf Schienen zurückgelegt hat, kann er nicht mehr zählen. Da fragt man sich zwangs­ läufig: Was packt man eigentlich für derart lange Reisen ein? „Ich brauche für 7 Monate nicht mehr als für 7 Tage“, schmunzelt Lieben­ berger, „neben meinen Arbeitsutensilien wie Laptop, Kamera, Kabeln und Co. packe ich 7 Shirts, 7 Unterhosen, ein Paar warme Socken, eine lange und eine kurze Hose sowie einen Sweater und eine dünne Jacke ein bzw. habe einen Teil davon schon bei der Abreise an. Wie ich auch Freund:innen neulich erklärte, die meinten, wie ich mit so wenig Sachen aus­ kommen kann: Waschen kann man überall!“ Reisen ohne Auto Und was sind die nächsten Reiseziele des Andersreisenden, den die momentane Welt­ lage sehr betroffen macht und auch am Fernreisen hindert? „Da ich in meinem Blog auch einen starken Fokus auf ‚Reisen ohne Auto‘ in Europa lege, und Menschen, die den nachhaltigen und sanften Reisestil bevorzugen, immer neues Futter liefern möchte, wird es das Erzgebirge sein, ziemlich sicher gefolgt von Südtirol. Im Winter wäre mein Herzenswunsch, wieder auf Schienen Richtung Südostasien zu reisen: Laos, Malaysia, Vietnam …“ Schlägt sein Herz am stärksten für den asiatischen Raum? „Wenn ich ehrlich bin, ja. Ich liebe das Exotische an diesen Gegenden, ich schätze die fantastische Küche und ich habe hier stets ein Gefühl der Sicherheit, wenn ich reise. In Südafrika und Südamerika beispielweise war das nicht immer so. Allerdings muss ich auch sagen, dass Aufenthalte in China oder Indien mit ihrem ganzen Trubel sehr reizüberflutend sein können. Und dennoch: Der Reiz überwiegt immer wieder!“ Apropos Reiz: Hört er auf seinen Zugreisen eigentlich gerne Musik? Seine Antwort fasst zusammen, was seine Leidenschaft ausmacht: „Meine Lieblingsmusik ist, mitzubekommen, wo ich gerade bin.“ • Veränderungen und Distanzen bewusst wahrnehmen: Das ist es, was Gerhard Liebenberger am Zugreisen liebt. Mehr dazu auf facebook.com/andersreisender und youtube.com/andersreisender. Kilometer Diese Strecke hat Gerhard Liebenberger mit dem Zug zurückgelegt, als er von Österreich bis Bangkok mit Schleifen über Japan und wieder zurück unterwegs war. 27.500 Die ÖBB Gleisgeschichten … starteten 2018 als zuerst kleine und mittlerweile beachtlich gewachsene Online- Videoserie über außer- gewöhnliche und liebenswerte Menschen, die ihre ganz persön- liche Bahnleidenschaft teilen wollen. Alle Gleisgeschichten zum Nachschauen unter oebb.at/ gleisgeschichten 51 railaxed Herbst 2022 50 Fotos: Gerhard Liebenberger (privat)

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