railaxed - HERBST 2023

Eisenbahnerspross und Quereinsteigerin: Viele Wege führen in den Führerstand einer ÖBB Lok. Die von Sandra und Julian ähneln sich in keiner Weise – und doch teilen sie eine große Leidenschaft. Traumjob? Einge lok t! Text – Janina Lebiszczak Fotos – Andreas Scheiblecker ie findet man zum Traumjob? Ist der Werdegang bereits in der Wiege vorgezeichnet, familiär geprägt, fast schon Bestimmung? Oder ist es ein Impuls, ein Zufall, ein Wink des Schicksals, der den Beruf schließlich zur Berufung macht? Nach einer Doppelconférence mit Julian Stögerer, 22, und Sandra Margic, 28, weiß man: Alles ist mög- lich. Ihr Lebenslauf könnte unterschiedlicher nicht sein – und doch brachte er sie beide erfolgreich auf Schiene. Dem jungen Steirer, der nach HTL-Matura und Zivildienst seine Ausbildung zum Triebfahrzeugführer bei den ÖBB absolvierte, liegt das Eisenbahn-Gen im Blut. „Fast jedes Spielzeug früher hatte etwas mit der Bahn zu tun. Sogar mein Kindergarten lag direkt unter den Gleisen“, erinnert er sich. „Und schon damals wollte ich nur eines: hinauf und in die Lok.“ Und dort im Führerstand, dem Ort seiner Träume, hätte er vielleicht sogar den eigenen Vater getroffen. Aber bis es tatsächlich so weit war, sollte es noch ein paar Jährchen dauern. „Er ist selbst Triebfahrzeug- führer und noch dazu Ausbildner“, so Julian. „Ich habe später so manche Testfahrt mit ihm absolviert. Vielleicht war er zu mir ein wenig strenger, vielleicht auch nicht, denn den Vergleich habe ich ja nicht – aber diese Er- lebnisse waren immer etwas ganz Besonderes.“ Nicht alle Superheldinnen tragen Cape Und dann ist da Sandra, die gebürtige Wienerin und Wahl-Niederösterreicherin, die so viele Ideen im Kopf hatte wie Talente – und nicht genau wusste, was das (Berufs-)Leben für sie noch in petto hat. Die erste Wahl fiel auf eine pharmazeutische Lehre, in dieser Zeit war sie viel mit dem Zug unterwegs. Und dann kam der „Life-Changing-Moment“: Am Bahnsteig beobachtete sie, wie eine Frau aus dem Führer- stand stieg. „Ich war schwer beeindruckt. Diese Frau hatte die Verantwortung für die vielen Fahrgäste getragen, diesen tonnenschweren Zug gesteuert. Wäre es ein Hollywoodfilm gewesen, wahrscheinlich hätte ich die Szene in Zeitlupe beobachtet.“ Bald darauf klickte Sandra sich durch das Job-Portal der ÖBB. Sie wollte Triebfahrzeugführerin werden – ohne techni- sche Vorbildung, ohne jemals daran gedacht zu haben, diesen Karriereweg einzuschlagen. „Während der Ausbildung wurden wir immer wieder dazu ermutigt, Lernpools zu bilden, uns gegenseitig zu unterstützen“, erinnert sie sich. W „Die Rechnung ging auf. Und immer noch ver- bindet diese Zeit meine Kolleg:innen und mich. Da sind Freundschaften entstanden, die halten.“ Routine? Niemals auf Schiene Und heute? Grüßen einander Julian und Sandra gut gelaunt, wenn sie sich auf den Gleisen ent- gegenkommen, das gehört zum „Lok-Knigge“. Nach den psychologischen und medizinischen Eignungstests, der rechtlichen Schulung und der Fahrpraxis im modernen ÖBB Simulator sowie im echten Eisenbahnleben sind sie beide dort angekommen, wo sie hingehören. „Kein Tag gleicht dem anderen – und das liebe ich“, sagt Sandra. „Für mich wäre es undenkbar, immer nur auf dieselbe Bürowand zu starren. Ich mag die Arbeitszeiten, die mir ein flexibles Privat- leben ermöglichen. Ich mag die Gewissenhaftig- keit, die der Job mit sich bringt. Wenn ich ins Bett gehe, bin ich ausgepowert und glücklich, schlafe tief und fest. Das war früher nie so. Und ich liebe diese magischen Momente, die man nur in einer Lok erlebt. Wenn die Sonne aufgeht und man vor sich nur ihr Strahlen und die Strecke sieht. Wenn man nachts die Lichter in den Häusern beobachten kann. Und am Bahn- steig die Menschen, die sich zur Verabschiedung „Am Bahnsteig sehe ich die Menschen, die sich verabschieden und einsteigen. Auf sie passe ich auf, das erfüllt mich.“ Sandra Margic Quereinsteigen und ankommen: Für Sandra ist der Traumjob Wirklichkeit geworden. 68 69 railaxed Herbst 2023 Jobporträt

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