railaxed - FRÜHLING 2025
rientierungslos, ein bisschen aus der Spur: So kann man meinen Zustand zum Zeitpunkt dieser Reise wohl am besten beschreiben. Seit jeher schlagen zwei Seelen in meiner Brust, die eine sorglos-verspielt, die andere überkorrekt. Künstlerin und Karrierefrau – meine vor- herrschenden Persönlichkeiten bekamen sich ordentlich in die Haare. Sollte ich mich nicht endlich für eine der beiden entscheiden? Für welche – und vor allem: Wie? Vielleicht ist der Weg das Ziel. Meines heißt Tessin. Im Zug von Zürich nach Lugano versuche ich, Optimismus zu entwickeln, doch schon bald pflügt sich dieser durch eine Wand aus Schnee. Der Frühling kann in der Eid- genossenschaft noch frostig ausfallen, doch kurz vor Lugano passiert ein kleines Wunder: Dem Schneefall folgt Sonne, die Landschaft verändert sich, wird sanfter und fröhlicher. Die steigenden Temperaturen hauchen dem Tessin eine berauschende Lebendigkeit ein, diesem wunderlichen, nur 2.812 km² kleinen Kanton, in dem italienisches Temperament auf alpine Präzision trifft. In Lugano offen- bart sich diese Symbiose in aller Pracht: Prunkvolle Häuser säumen die Straßen, während Palmen und blühende Magnolien an den Ufern des Luganer Sees den Übergang zwischen den Jahreszeiten zelebrieren. Hier atmet man Dolce Vita, während die Alpen im Hintergrund in den Himmel wachsen. Vom Armenhaus zur Aufbruchstimmung Unvorstellbar, dass das Tessin lange Zeit als das Armenhaus der Schweiz galt – eine Region, die von massiver Migration und wirtschaftlicher Not geprägt war. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kämpfte die Bevölkerung mit existenziellen Heraus- forderungen, viele Männer verließen saisonal ihre Heimat. Diese Wanderarbeiter, auch als „Gotthard-Italiener“ bekannt, trugen zum Überleben ganzer Dorfgemeinschaften bei. Dank des Gotthard-Eisenbahntunnels kam später entscheidend mehr Wohlstand ins Land – sein „Nachfolger“, der Gotthard-Basistunnel ist mit 57 Kilometern Länge immerhin der längste Eisenbahntunnel der Welt und reduziert die heutige Reisezeit von Zürich nach Lugano auf knapp zwei Stunden. Schon der erste Tunnel brachte Wirtschaft, Tourismus und kulturellen Austausch, der die Isolation durchbrach. Parallel dazu bewies das Tessin bemerkenswerte kultu- relle Widerstandsfähigkeit. Seine Identität, geprägt von Mehrsprachigkeit, gießt Lebenslust in helvetische Normen und bietet trotzdem Interpretationsspielraum. Die Harmonie der Widersprüchlichkeit Darüber berichtet Jurij Meile gerne. Der wech- selt gerade vom Tessiner Tourismusbüro zum „Orchestra Barocca della Svizzera Italiana“, dem örtlichen Barockorchester, und freut sich über seine letzte Tour mit mir. Jurij ist ein typischer Tessiner Charakterkopf, fröhliche Offenheit wechselt sich mit reservierter Ernsthaftigkeit ab. Schwärmerisch erzählt er mir im blühenden Parco Ciani von seiner großen Liebe, der Kunst. Opernfans pilgern noch ins nahe Mailand, Lugano allerdings hat sich dank des Kultur- zentrums LAC („Lugano Arte e Cultura“) zum Schnittpunkt zwischen Nord- und Südeuropa gemausert. Kunstschaffende haben sich im Tessin schon immer wohlgefühlt, darunter Hermann Hesse, Peter Alexander oder aktuell der niederösterreichische Bass Günther Groiss- böck. Unser Plausch endet am berühmten Seetor, dem beliebtesten Instagram-Spot der Stadt. Schmiedeeisern und schwer, von Blumen umgeben, direkt am Wasser, darüber die Berge. Hier kann man Tessins facettenreiche Seele spüren. Ein wenig zerrissen, so wie ich selbst. Grenzgeschichten aus dem Süden der Schweiz Weiter geht es nach Gandria, dem letzten Dorf vor der Grenze. Das autofreie Zentrum (in Symbiose zwischen schweizerischem und mediterranem Flair: Südlich des Alpenkamms wartet Dolce Vita am Luganersee. Sportlich: Das „StraLugano“-Symbol erinnert an den jährlichen Halbmarathon. Ein typischer Tessiner: Beim Spaziergang mit Jurij Meile durch den blühenden Parco Ciani. Anreise Von Österreich geht es sechs Mal täglich mit dem Railjet Xpress nach Zürich, dazu gibt es eine tägliche Direktverbindung mit dem Eurocity „Transalpin“ ab Graz, ab Wien und Graz mit Nightjets. Von Zürich ist man in rund 1,5 Stun- den im Tessin. Besonders reizvoll ist der „Treno Gott- ardo“ über die spektaku- läre Gotthard-Bergstrecke. Tipp: Mit dem „Swiss Travel Pass“ gibt es freie Fahrt mit Bahn, Bus und Schiff sowie 50 % Ermäßigung bei über 500 Museen und den meisten Bergbahnen. Infos: oebb.at/schweiz Janina Lebiszczak ist Journalistin, Kolumnistin und Autorin aus Wien. Sie schreibt über die Kunst, das Leben zu genießen, Grenzen zu überwinden und den Horizont mit allen Sinnen zu erweitern. O Imposant: Mit ihrem hoch aufragenden Glockenturm prägt die Kathedrale San Lorenzo das Luganer Stadtbild. Mehr Infos zur Region auf switzerland.com 14 15 railaxed Frühling 2025 Illustration: © Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com
RkJQdWJsaXNoZXIy NTk5ODUz