railaxed - FRÜHLING 2025

Lugano kann es verkehrstechnisch ordentlich zur Sache gehen) ist eine Oase der Stille, die dank pittoresker Häuserfassaden und ver- winkelter Bogengänge zum Träumen einlädt. Mit dem Schiff gelangt man in wenigen Minuten hierher, die Alternative ist der romantische Olivenweg, der sich am Seeufer entlangschlängelt. Auf der gegenüber- liegenden Uferseite, die auch wegen der zahlreichen „Grotti“ – rustikale Lokale ähnlich unseren Heurigen – beliebt ist, befindet sich das Schmugglermuseum. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war der illegale Transport von Kaffee, Tabak und Zucker in dieser Region üblich, die bergige Landschaft bietet bis heute zahlreiche verborgene Überquerungsmöglichkeiten. Die Tessiner Grenze bleibt komplex. Identitätssuche: Polenta aus dem Kupferkessel An die vergangene Armut erinnert nicht nur der Schmuggel, sondern auch das Regionalgericht: Polenta, traditionell ein Nahrungsmittel der Armen, ist samt seiner Geschichte der Getreideverarbeitung omnipräsent. Wassermühlen wie die „Mulino di Bruzella“ spielten dabei eine zentrale Rolle. Wer eine Mühle besaß, hatte Geld. Davon erzählt mir Müllerin Irene Petraglio, während wir im Kupferkessel Polenta aus steingemahlenem „Rosso del Ticino“-Mais kochen. Dazu passt hervor- ragend der Formaggini, den wir mit Blick auf den Fluss Breggia genießen. Die alte Maissorte war beinahe in Vergessenheit geraten, heute ist sie jedoch wieder in aller Munde. Gut so: Sie ist eng mit dem Tessiner Erbe verknüpft. „Die alten Menschen aus der Region meinen, es schmeckt wie früher in ihrer Kindheit“, erklärt die Müllerin stolz. Aufblühen an einer Blume aus Stein Aus der Lieblichkeit des Tales geht es hinauf zum „großzügigen Berg“. Um die Aussicht auf knapp 1.700 Metern genießen zu können, fährt seit 130 Jahren eine knallbunte Zahnradbahn auf den Gipfel des Monte Generoso. Oben angekommen, wird erneut die Grenzenlosigkeit bewusst: Während die Nord- und Ostseite des Berges zu Italien gehören, ragen die West- und die Südflanke in der Schweiz empor. An der „Fiore di pietra“, der Steinblume, wird mir klar, warum es unmöglich scheint, das Tessin zu zähmen – das versuchen EU- wie auch Berner Regierungspolitiker:innen regelmäßig ohne Erfolg. Widerstandskraft und Unabhängigkeitswille, beides kann man am Bauwerk des Tessiner Stararchitekten Mario Botta deutlich spüren. Zart und hart zugleich. Mein Blick fällt auf die Schönheit der um- liegenden Seen, wandert vom Gotthardmassiv bis zur Berninagruppe. Und mir geht ein Knopf auf: Die Geschichte des Tessins ist ein Beispiel für menschliche Widerstandskraft, für die Fähigkeit, sich durch Herausforderungen zu transformieren. Von einem der ärmsten Gebiete der Schweiz hat es sich zu einer lebendigen Reisedestination entwickelt – mit dem Herzen im Süden und dem Blick in Richtung Zukunft. Ich werde mir ein Beispiel nehmen. Am Tor zu zwei Welten fällt mir die Entscheidung, mich nicht entscheiden zu wollen, viel leichter. Ich bleibe Tessin, ich bleibe mir treu – in all der wunderbaren Widersprüchlichkeit. • Tipp Auf Klassikfans warten im Frühling viele hochkarätige Konzerte im Kulturzentrum „Lugano Arte e Cultura“. Das Haus- orchester „Orchestra della Svizzera italiana“ begrüßt spannende Newcomer:innen und renommierte Stars. Infos: osi.swiss Am rauschenden Bach: In der „Mulino di Bruzella“ wird die Maissorte „Rosso del Ticino“ für cremige Polenta hergestellt. Aus dem Kupferkessel: Müllerin Irene Petraglio ist stolz auf das kulinarische Erbe der Region. Per Zahnradbahn auf den Monte Generoso. Hier warten die „Steinblume“ und eine fantastische Weitsicht. Zum Träumen schön: Am Fuße des Monte Brè liegt das kleine Grenz- dörfchen Gandria. 16 17 railaxed Frühling 2025

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