railaxed - FRÜHLING 2026

tiert, er funktioniert ökologisch wie ein Reser- vat. Raum, Ruhe und Zurückhaltung machen ihn zu einem Ort, an dem lebendige Vielfalt bestehen kann. Darauf ist man stolz – und das zu Recht. „Rehe nutzen die ruhigen Randbereiche als Rückzugsraum, besonders den alten jüdischen Teil. Im Frühling kann es durchaus vorkommen, dass man sie samt Nachwuchs zu Gesicht bekommt“, weiß Florian Ivanic, seit über 40 Jahren in der Friedhofs- pflege und im Baum-Management tätig. „Doch die heimlichen Stars des Areals sind die Feldhamster – die wahrscheinlich beliebtesten Motive der vielen Gäste, die bei uns auf Fotosafari gehen.“ Auf ihre Fersen kann man sich sogar im Rahmen einer speziellen Führung heften, die neben den Ehrengräbern und anderen historischen Besonderheiten den Fokus aufs Wiens Wildnis legt. Selbstbewusst und stattlich sind sie, scheinbar ahnungslos, dass sie erstens als gefährdet und zweitens als dämmerungsaktiv gelten – ich entdecke den ersten Nager bald zwischen einer Gruppe Gräber. Die Tiere haben sich ihrem Lebensraum angepasst: Wenn natürliche Nahrung knapp Verweilen und Innehalten: Mich zieht es magisch zum „Feuerplatz“. Meister der Biodiversität: Florian Ivanic kennt (fast) jeden Baum am Zentralfriedhof. bearbeiten – ein Vorgang, der bei Friedhofs- fremden wie mir trotz aller Notwendigkeit mulmige Gefühle auslöst. Seit der Eröffnung vor über 150 Jahren haben hier mehr als drei Millionen Beerdigungen stattgefunden, über 330.000 Grabstellen gibt es. Auch sie sind nicht für die Ewigkeit: Laufen Nutzungsrechte aus und gibt es keine Angehörigen mehr, die für die Ruhestätte aufkommen können, wird diese zunächst mit Aufklebern markiert. Dadurch bleibt ausreichend Zeit, damit sich Hinterbliebene melden und die Grabstätte verlängern können. Erst wenn das ausbleibt und neue Grabflächen benötigt werden, wird der Bereich behutsam aufgelassen und neu vergeben. Eine harte körperliche Arbeit und doch ein Job, der erledigt werden muss: Eine massive Grabplatte kann bis zu 800 Kilogramm wiegen. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit wurden sie mit reiner Muskelkraft bewegt. „Ähnlich wie im alten Ägypten – mit Rampen und Hebelkraft. Das war nicht ungefährlich“, erzählt Roman: „Heute kommt dafür ein Raupenbagger zum Einsatz.“ Meinen besorgten Blick hat er längst bemerkt und klärt auf: Die sterblichen Überreste verbleiben im Grab. Nach der Auflassung werden sie tiefer in den Boden verlegt, damit darüber Platz für weitere Bestattungen entsteht. Wald werden: Trauer ohne Inszenierung Und gestorben wird immer, so heißt es im Volksmund – Platzprobleme wird es jedoch niemals geben. Denn auch das Geschäft mit dem Tod unterliegt Trends. „Eine Gruft, ein prachtvoll geschmückter Grabstein – das ist den Menschen nicht mehr so wichtig wie früher, dazu kommen die Erhaltungskosten – das Geld steckt man lieber ins Diesseits“, schildern Florian und Roman. An ihrem Arbeitsplatz wird der Wandel der Bestattungskultur besonders deutlich: Mit etwa 60 Prozent sind klassische Sargbestattungen in Wien weiterhin die be­ vorzugte Form, rund 40 Prozent machen Urnenbestattungen aus. Außerdem wurden in mehreren eigens ausgewiesenen Gruppen in den vergangenen Jahren Waldgräber eingerichtet, bewusst zurückhaltend gestaltete Bereiche, in denen Urnen im Wurzelraum von Bäumen Anreise Zum Wiener Zentral- friedhof geht es ab der U3-Endstation Simmering mit den Straßenbahnlinien 71 und 11 (bis Tor 1-4) oder der Schnellbahn S7 (bis Tor 11). Vor Ort dient ein E-Bus (täglich ab 10 Uhr ab Tor 2) zur Erkundung des weitläufigen Geländes. wird, stehen sogar Kerzen auf ihrem Speise- plan, das Wachs ist eine für sie gut verdauliche Fettquelle. Philosophie im „Park der Ruhe und Kraft“ Ich lasse das Bike stehen und gönne mir eine Auszeit im „Park der Ruhe und Kraft“ in der Gruppe 23. Im Sommer wird hier Yoga an- geboten, heute bin ich der einzige Gast auf dem weitläufigen Areal voll mystischer Sym­ bolik. Trauernde können ihren Verlust hier meditativ verarbeiten – in fünf Landschafts- bereiche aufgeteilt, die auf die Kräfte der Erde und des Kosmos abgestimmt sind. Mich zieht es magisch zum „Feuerplatz“, der dem Thema Transformation gewidmet ist – passend zur Jahreszeit. Immerhin: Der Frühling lehrt, dass jedes Ende auch einen Anfang in sich trägt. Ein tröstlicher Gedanke. Zurück in der Realität des Alltags treffe ich Roman Höfinger vom Friedhofsdienst, ebenfalls ein Urgestein im Archiv der Vergänglichkeit. Sein Team ist gerade dabei, ein Grab zu Angeblich scheu, am Zentralfriedhof ein Star: der dreifarbige Feldhamster. Park der Ruhe und Kraft: ein Brunnen aus Granit als Symbol für alles Lebendige. Gräber bearbeiten mit Roman Höfinger: Heute hilft der Bagger. Hallo Bambi: Im alten jüdischen Teil fühlen sich Rehe besonders wohl. © Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com 15 railaxed Frühling 2026 14 Janina Lebiszczak ist Journalistin, Kolumnistin und Autorin aus Wien. Sie schreibt über die Kunst, das Leben zu genießen, Grenzen zu überwinden und den Horizont mit allen Sinnen zu erweitern.

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