railaxed - FRÜHLING 2026
Text – Janina Lebiszczak Fotos – Leander Höfler ch werde mir noch den Tod holen. Ein Gedanke, der angesichts meines Aus- flugsziels ein wenig morbid erscheint – aber dennoch nachvollziehbar ist. Die zu optimistisch gewählte Bluse mit den bunten Blümchen darauf passt zwar zum Frühlingserwachen am Wiener Zentralfriedhof, doch der Fahrtwind zieht mir bis auf die Knochen. Ich sitze auf einem E-Bike, ausgeborgt gleich hinter dem Tor 2, dem Haupteingang zur Stadt der Toten. Die zweitgrößte Friedhofs- anlage Europas ist ungefähr so weitläufig wie der 1. Bezirk Wiens. Der Motor summt kaum hörbar, um die fünfundzwanzig Stunden- kilometer könnte er schaffen, rein theoretisch. Praktisch gleite ich viel langsamer dahin, weil mein Blick ständig hängen bleibt: Die rotblühende Kastanie färbt den Kies in leuchtendes Pink. An den Rändern der Wege öffnen sich hellgrüne Blätter, noch dünn genug, um das Licht durch- zulassen. Zwischen den Grabreihen summt es, Bienen arbeiten sich fleißig von Blüte zu Blüte. Der von ihnen produzierte „Friedhofshonig“ erfreut sich großer Beliebtheit, sein Geschmack beweist: Nirgendwo sonst in der Hauptstadt liegen Paradies und Jenseits näher beieinander. Es lebe der Zentralfriedhof – und alle seine Tiere Ob beim Radfahren, Spazieren oder Joggen – bald zeigt sich, was viele als selbstverständlich erachten: Der Wiener Zentralfriedhof ist nicht nur Begräbnisstätte, sondern eines der be- deutendsten innerstädtischen Naturareale. Auf rund 2,5 Quadratkilometern erstreckt sich eine Grünfläche, die durch ihre Größe, achtsame Pflege und viele wenig frequentierte Zonen außergewöhnliche Bedingungen für Flora und Fauna schafft. Mehr als 15.000 Bäume, kilometerlange Heckenstrukturen, alte Alleen und Wiesen schaffen Lebensräume, wie sie im dicht bebauten Stadtgebiet sonst kaum mehr vorkommen. Ein zentraler Bestandteil dieses ökologischen Gefüges ist der Naturgarten, ein knapp 40.000 Quadratmeter großes Areal, das bewusst biodiversitätsfördernd gestaltet wurde. Hier wird nur eingeschränkt gemäht, Totholz bleibt – wie an zahlreichen weiteren Plätzen auch – liegen, Feuchtbiotope mit Schilf und offenen Wasserflächen bieten Raum für Amphibien, Reptilien und Insekten, darunter der geschützte Alpenbockkäfer und die Europäische Gottesanbeterin. Kein Schau- garten, sondern ein funktionierender Lebens- raum: Turmfalken, Eulen, Spechte, Störche, Mandarinenten und zahlreiche Singvogelarten brüten ungestört, sogar der Wiedehopf feierte jüngst sein Comeback. Fledermäuse finden Quartiere, Igel, Hasen, Eichhörnchen und andere Kleinsäuger ebenso. Insgesamt wurden am Zentralfriedhof bereits über 170 Tier-, 79 Pilz- und rund 200 Pflanzenarten dokumen- I Im Frühling zeigt der Wiener Zentralfriedhof eine ganz besondere Seite: Dort, wo neues Leben zwischen alten Gräbern entsteht, rücken Naturidylle, Abschied und Neubeginn nah aneinander. Wo das Leben neu erblüht Auf Radtour: Andern- orts verpönt, am Zentralfriedhof ein beliebtes Angebot. 13 railaxed Frühling 2026 12 Wien
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