railaxed - FRÜHLING 2026
ährend der Railjet mit gut 200 km/h durch den Koralmtunnel rauscht, knabbert in der Nähe ein Biber genüsslich an einem Stück Holz. Dass man in rund 40 Minuten zwischen Graz und Klagenfurt pendeln kann, war für den Nager nicht ausschlaggebend, um sich im Granitztal anzusiedeln – vielmehr war es die Biotopfläche, die im Zuge des Koralmbahn- baus entstand. „Wir wollten Eingriffe nicht nur ausgleichen, sondern eine positive Ökobilanz ziehen, also entstanden 5.400 m 2 mehr Biotopfläche, als vom Bau beansprucht wurde“, erklärt Christiane Schiavinato, Projektleiterin bei den ÖBB. Eigens errichtete Steilufer und eine Aufweitung des Baches verbessern das Nahrungsangebot im Granitztal. Derlei spricht sich rum im Tierreich; auch Eisvögel können nun gesichtet werden. Nebst Schichtplänen für Menschen hatten die Koralmbahn-Ingenieur:innen auch mit Brutplänen zu tun: Im steirischen Leibenfeld bei Deutschlandsberg, der „Schilcher-Stadt“, wo sich Weingärten, Wiesen und Wälder erstrecken und die Laßnitz fließt, befindet sich nämlich eine der größten Graureiher- kolonien südlich der Alpen. Die Tiere hocken, Familie neben Familie, in ihren hohen Reisignestern und staksen auf Futtersuche im seichten Wasser herum. Nicht weit von ihnen befindet sich das östliche Portal des Koralmtunnels. Vogelkundler:innen hatten die Kolonie studiert, lange bevor die Tunnelbohrmaschi- nen losheulten. „Wir haben Rodungsarbeiten an die Brutzeit angepasst, blendfreie Lampen installiert und weitere Maßnahmen umgesetzt“, berichtet Dietmar Schubel, Projektleiter für diesen Bereich der Koralm- bahn. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat, denn bei den jährlich durchgeführten Horstzählungen stellte man fest: Die Graureiherkolonie ist intakt. Fließende Umzugsprämie Der Glaube versetzt Berge – eine Renaturierungs- maßnahme versetzt schon mal Flüsse. In der Steiermark musste die Laßnitz auf einer Länge von rund 800 Metern künstlich verlegt werden. Das Flussufer und die angrenzenden Flächen bilden heute einen vielseitigen Naturbereich – mitten in einem landwirtschaftlich intensiv genutzten Tal. Der „gesiedelte“ Bereich liegt forstwirtschaftlich brach, wodurch er Lebensraum für viele Tierarten bietet. Fischotter haben hier ebenso eine neue Heimat gefunden wie das anspruchsvolle Blaukernauge – ein gefährdeter Schmetterling mit dunkelbrauner Flügeloberseite. Auch Wespenspinnen, Pracht- libellen, Ameisen und viele weitere Arten nutzen den neuen Lebensraum, den ihnen die gepflanzte und spontan entstandene Flora bietet. W Text – Katharina Helm Eine ähnliche Renaturierungsmaßnahme nahmen sich die Umweltexpert:innen, Landschaftsplaner:innen und Wasser- bautechniker:innen auch auf der anderen Seite des Koralm- tunnels vor, im Kärntner Lavanttal. Auch hier wurde ein Stück des Flusses verlegt, genau genommen 1,4 Kilometer. „Die Hochleistungstrasse der Bahn, der Bahnhof St. Paul im Lavanttal und auch das Gestein und Geröll aus dem Tunnel- bau brauchen eben Platz“, so Schiavinato. Durch diese Maßnahme ging jedoch Rückhaltevolumen verloren, das die flussabwärts gelegene Gemeinde St. Paul mit ihren 21 Ortschaften vor möglichen Hochwasserereignissen schützt. „Daher war es notwendig, Gelände abzutragen, neue Retentionsflächen zu schaffen und der Lavant auf einem Teilstück ein neues Flussbett auszubaggern. Nun freuen wir uns über 20 Hektar Ausgleichsflächen und eine Flussland- schaft, die mit der Zeit immer wilder und ursprünglicher werden wird. Die Zeit der Einsamkeit ist für die Lavant nun vorbei, sie ist nicht mehr von Seitengewässern getrennt und in einen geraden Graben gezwängt. Jetzt kann sie sich in diesem Abschnitt wieder frei entfalten, ihrer natürlichen Dynamik folgen und das in einem breiteren Bett mit auf- geweiteten Ufern“, freut sich die Projektleiterin. Vieles wird man erst in Jahren in voller Pracht sehen, etwa die 7.000 Zwetschken-, Nuss- und Ahornbäume, Weiden, Eschen und Eichen, die an der umgelegten Lavant gepflanzt wurden. Wer davon wohl aller naschen wird? • 1 2 3 4 Fakten für schlaue Füchse Wussten Sie, dass … … beim Bau der Koralmbahn von 6 Mio. m³ Tunnelaus- bruch 4 Mio. m³ als Lärmschutz, Bahndämme und Beton wiederverwendet wurden. … es entlang der Südstrecke 4.300 Wasser-Messstellen im Semmeringgebiet und ca. 350 auf der Koralm gibt. … allein auf der Kärntner Seite bis 2028 145.000 Bäume gepflanzt werden, ähnlich viele in der Steiermark. 1: Neue Biotopflächen im Granitztal locken sogar zuvor nicht heimische Eisvögel an. 2: Biotop in der Brenndorfer Bucht bei St. Kanzian. 3: Umgeleitete Laßnitz: Der Fluss wurde nach alten Karten wieder so gestaltet, wie er vor der ersten Regulierung gewesen ist. 4: 90 Volksschüler:innen setzten auf einer ehemaligen Deponie bei Kühnsdorf über 300 Pflanzen. Wie verträgt sich ein Jahrhundertbauprojekt mit der Natur? Ein Blick auf Fauna und Flora. Tierisch gute Koralmbahn? 52 53 railaxed Frühling 2026 Foto: Rudolf Prchlik/Shutterstock Fotos: Edwin Butter/AdobeStock (1), ÖBB/Zenz (2+3), ÖBB/Daniel Kattnig (4)
RkJQdWJsaXNoZXIy NTk5ODUz