railaxed – HERBST 2026

jemanden geben, der dich auf den Unter- schied aufmerksam macht.“ Was bleibt, wenn man nichts zu sagen hat Vielleicht ist das der Grund, warum Stille zunächst so gar nicht beruhigend wirkt. Sobald Gespräche, Musik und all die kleinen Fluchten des Alltags wegfallen, bleibt nur noch eines übrig: man selbst. Meditation ist keine Wellnessbehandlung, bei der unangenehme Gedanken, alte Muster, Zweifel und Automatismen höflich draußen warten. Weglaufen funktioniert nicht. Man begegnet ihnen. Und tatsächlich: Irgendwann hört das Kommentieren in meinem Kopf auf. Ich sinke tiefer in die Stille, Atemzug für Atemzug. Für einen Moment scheint da nichts mehr zu sein, woran ich mich festhalten kann. Und ich bekomme Angst. Nicht vor der Stille. Sondern vor dem, was dahinter liegt. Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht leiste? Keine Probleme löse, nichts plane, nichts produziere? Was bleibt übrig, wenn all die Rollen verschwinden, mit denen ich mich nach außen hin identifiziere? Fast reflexartig möchte ich diesen Zustand wieder verlassen, mich zurück an die Oberfläche kämpfen. Alles erscheint leich- ter, als in dieser tiefen Stille zu verbleiben, die wie eine Pforte in die Weiten des Universums scheint. Vielleicht ist das die größte Erkenntnis dieses Tages. Sich zu stellen, obwohl der Impuls zur Flucht übermächtig scheint. Es wäre vermessen zu behaupten, nach diesem Schnupperkurs in einem Zustand des höheren Seins an- gekommen zu sein. Aber er hat mir gezeigt, dass in mir ein Raum existiert, den ich im Lärm des Alltags kaum betrete. Und dass Stille weitaus mehr ist als die Abwesenheit von Geräuschen – nämlich eine Begegnung mit sich selbst. Vom Suchen und Finden der Stille Nach diesem Kennenlernen tue ich, was ich bei jeder „Janina on Tour“-Reportage mache: Ich gehe auf Entdeckungstour. Nur suche ich diesmal keine Action, sondern Orte, an denen die Ruhe spürbar wird. Der erste führt mich auf den hölzernen Aussichtsturm am Kulmspitz. 144 Stufen führen hinauf, mit jeder öffnet sich der Blick ein wenig mehr. Tief unten glitzern Mondsee und Irrsee, dahinter ragen Schafberg, Drachenwand und – bei guter Sicht – sogar der Traunstein über der Landschaft auf. Kein Gipfeltrubel, keine Selfie- Schlangen. Nur diese komische Klarheit im Kopf, die ich üblicherweise mit einem Podcast über- tönen würde. Später stehe ich am südöstlichen Ufer des Mondsees. Wenige Meter vom Land entfernt ragt der Kreuzstein aus dem Wasser – ein gewaltiger Felsblock, gekrönt von einem steinernen Kreuz. Seit Jahrhunderten ranken sich Legenden um diesen Ort. Manche sehen in ihm einen Kraftplatz, andere schlicht ein Natur- denkmal, das der Gletscher hier zurückgelassen hat. Beides mag stimmen. Oder keines von beidem. Ist es wichtig? Manches muss man nicht erklären, man darf es erleben. Dieses Gefühl begleitet mich weiter an das Südufer des Irrsees bei Tiefgraben. Auf einer kleinen Anhöhe liegt die „Phyllotaxis“, eine zwölf Meter große spiralförmige Installation von „Mondsee Land Art“. Ihre Form zeigt den Querschnitt durch den Blattstand eines Stangenselleriestängels – und folgt damit jenen mathematischen Ordnungs- prinzipien, nach denen sich Blätter und andere Pflanzenteile in der Natur anordnen. Ich setze mich in ihre Mitte und schließe die Augen. 360°-Panorama: der 24 Meter hohe Aussichtsturm am Kulmspitz als Wahrzeichen des Mondseelandes. Janina Lebiszczak ist Journalistin, Kolumnistin und Autorin aus Wien. Sie schreibt über die Kunst, das Leben zu genießen, Grenzen zu überwinden und den Horizont mit allen Sinnen zu erweitern. Sundari Yoga am Steg: der See als Bühne für bewusste Selbstreflexion. So schmeckt es am besten: Das Frühstück wird auf einer traditionellen Zille genossen. Nicht reden ist nicht schweigen Der schönste Abschied wartet am nächsten Morgen. Knapp nach Sonnenaufgang rolle ich im „AustriaCamp Mondsee“ meine Matte auf dem Holzsteg aus. Yogalehrerin Susanne Riehs führt mich durch ruhige Bewegungen fernab von kompetitiver Verbrezelung. Das Wasser liegt spiegelglatt vor uns, nur das gemeinsame Ein- und Ausatmen begleitet den neuen Tag. Danach wartet das Frühstück – allerdings nicht am Ufer, es wird auf eine traditionelle Zille geladen. Mit frischem Gebäck, Kaffee und regionalen Köstlichkeiten gleiten wir lautlos hinaus auf den glasklaren See. Zu Hause wird es anders sein, so viel ist klar. Eine Auszeit trägt ihren Namen nicht ohne Grund. Die To-do-Liste wird sich wieder füllen, das Telefon wieder klingeln und neue Geschichten warten darauf, erzählt zu werden. Genau dort, so Marion und Bernhard Hötzel, müsse sich Meditation bewähren. Nicht im Schweige-Retreat, sondern mitten im Leben. Wie ich das Gelernte um- setzen werde? Vielleicht vor dem ersten Griff zum Handy einmal bewusst durchatmen. Beim Spazierengehen keinen Podcast einschalten. Dem eigenen Gedankenkarussell zuschauen, statt sofort davonzulaufen. Bernhard erwähnte etwas, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: „Nicht reden ist nicht schweigen.“ Ich glaube zu verstehen, was er meint. Stille ist keine Abwesenheit von Worten. Sie ist die Bereitschaft, sich selbst zu begegnen. Und genau dort beginnt die eigentliche Reise. • Wandern ohne Worte: Am Weg zur Radstatt- kapelle wird die Erleichterung zu neuer Energie. 16 17 railaxed Herbst 2026 © Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com

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