ÖBB Geschäftsbericht 2022
fahren für die letzte Meile. Reich werden wir damit nicht. Mein Zwischenresümee: Trotz nicht ganz einfacher Rah- menbedingungen sind im letzten Jahr wieder viele Berei- che des Konzerns „in die Gänge gekommen“. Wo haben wir aus Ihrer Sicht die größten offenen Baustellen? SCHIEFER: Die stark gestiegenen Baukosten im Bereich der Infrastruktur habe ich bereits angesprochen. Da müssen wir sicher sehr genau kalkulieren und planen. Im Bereich TrainTech, also der ÖBB-Technische Services GmbH, kämpften wir zuletzt verstärkt aufgrund der COVID- und Grippewellen vermehrt mit mit einem Rückstau bei Wartung und Reparatur unseres Wa- genmaterials. Hier gilt es, auch den Generationenwandel durch den Abgang altgedienter Expert:innen zu meistern. Die ÖBB Werkstätten sind nicht zuletzt auch durch die Anschaffung der vielen neuen Fahrzeuge für junge, qualifizierte Mitarbeiter:in- nen ein attraktives und zukunftsträchtiges Betätigungsfeld. Wir stecken ja bereits seit einigen Jahren in einem großen Generationenwandel. Wie viele neue Kolleg:innen haben wir im letzten Jahr eigentlich neu aufgenommen? SCHIEFER: Insgesamt konnten wir trotz der Pensionierungswelle den Mitarbeiter:innenstand stabil halten. Im gesamten Kon- zern wurden über 4.500 Mitarbeiter:innen neu aufgenommen, davon mehr als 500 Lehrlinge. Und was steht uns da in den nächsten Jahren noch bevor? MATTHÄ: Ein Blick auf unsere aktuelle Alterspyramide zeigt, dass wir bis 2027 zumindest 15.000 neue Kolleg:innen brauchen, um alleine die bevorstehenden Pensionierungen auszugleichen. Das wird angesichts des Arbeitskräftemangels keine leichte Aufgabe! Und wir müssen da sicher auch intern einiges verändern. Was meinen Sie mit „intern verän- dern“ genau und wie wollen wir eine mögliche Lücke bei den Arbeitskräf- ten schließen? MATTHÄ: Unser Unternehmen ist – historisch gewachsen – sehr hierarchisch organisiert. Und das ist in vielen Bereichen auch richtig und gut so, denn im Betrieb, beim Zugfahren gibt es wenig Diskussionsspielraum. Aber ganz generell erwarten insbesondere jüngere Mitarbeiter:innen heute einen ande- ren Umgang im Team. Wir müssen daher aus meiner Sicht die Hierarchien verflachen und beispielsweise den jeweiligen Teamleiter:innen auch mehr Pouvoir einräumen. Ich bin davon überzeugt, dass wir als ÖBB grundsätzlich ein sehr guter Arbeitgeber sind: Aber in ein paar Bereichen müssen wir uns einfach verbessern. Sei es die Möglichkeit der Vier-Tage-Woche oder seien es andere Arbeitszeitmodelle. Das wird jedenfalls nachgefragt und wir werden einiges davon anbieten müssen, wenn wir erfolgreich sein wollen. Kurz noch zur angespro- chenen möglichen Lücke bei den Arbeitskräften. Ich sehe da zwei Möglichkeiten und ich glaube, wir müssen auch beides machen. Erstens müssen wir noch mehr Lehrlinge ausbilden als bisher und unsere Behaltequote noch einmal nach oben schrauben. Zweitens müssen wir im Bereich der Digitalisierung rascher vorankommen. Dort müssen wir Arbeitsstunden einspa- ren, die wir aufgrund des Mangels an Arbeitskräften ohnehin nicht mehr leisten können. Ein Thema, das wir bisher nur gestreift haben und das generell ein wenig in den Hintergrund gerückt ist, würde ich noch gerne ansprechen: den Klimawandel. Wenn sie bilanzieren müssten, wie würde ihr Resümee des letzten Jahres aussehen? Sind wir da auf Kurs? SCHIEFER: Wir können nun im zweiten Jahr in Folge auf unseren freiwilligen konzernweiten Nachhaltigkeitsbericht zurückbli- cken, welcher jetzt ebenfalls Teil des Lageberichts ist und vom Wirtschaftsprüfer testiert wurde. Damit bereitet sich der ÖBB- Konzern auf neue gesetzliche Anforderungen der EU für die Berichterstattung nach der „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) vor. Auch beim unabhängigen Green Finance Rating ESG (Environment, Social, Governance) konnten sich die ÖBB Gesellschaften innerhalb der Bewertung „Sehr gut“ noch- mals verbessern. ANDREAS MATTHÄ. „Wenn ich heute mit anderen europäischen Eisenbahnchefs spreche, dann merke ich, welche Spitzenposition unter den Bahnen die ÖBB mittlerweile einnehmen“ »Die Bahn ist einer der wesentlichsten Hebel , um den Verkehrsbereich zu dekarbonisieren.« ANDREAS MATTHÄ
RkJQdWJsaXNoZXIy NTk5ODUz