ÖBB Geschäftsbericht 2023
33 Verlässlich in die Zukunft Und wie entwickeln sich die Großprojekte Koralm, Semmering, Brenner? MATTHÄ: Bei der Koralmbahn befinden wir uns mehr oder we- niger im Zielsprint. Derzeit wird die Bahntechnik mit unzähli- gen Kilometern an Kabeln und Anlagen verbaut. In knapp zwei Jahren – konkret Ende 2025 – wird es dann auch für den Fern- verkehr zwischen Graz und Klagenfurt „Bahn frei!“ heißen. Die Fahrtzeit zwischen den beiden Landeshauptstädten wird dann nur noch 45 Minuten betragen. Und auch beim Semmering- tunnel geht es voran: Auf steirischer Seite haben wir im Herbst des letzten Jahres den Durchschlag feiern können, aktuell sind rund 97 Prozent der gesamten Tunnelstrecke gegraben. WALDNER: Der Brenner ist wohl unser komplexestes Tunnelpro- jekt. Einerseits sind an diesem Bauprojekt mit Österreich und Italien zwei Staaten mit recht unterschiedlichen Standards und Vorgaben in der Bahntechnik und im Bauprojektmanagement beteiligt. Und andererseits entsteht hier die längste unterirdi- sche Eisenbahnverbindung der Welt. Wir sprechen hier schon im besten Sinne des Wortes von einem „Megaprojekt“ und sind dabei mit den Partnern in Italien und der EU auf einem guten Weg. 2032 werden wir den Brenner Basistunnel aus heutiger Sicht wie geplant in Betrieb nehmen können. Und wie sieht es abseits der Großprojekte aus? Der Aus- bau und die Verbesserungen auf den Nebenbahnen sind ja wichtige Maßnahmen, um noch mehr Menschen auf den Zug und weg von der Straße zu bringen. MATTHÄ: Da haben sie vollkommen recht. Deshalb setzt der aktuelle ÖBB Rahmenplan, der bis 2029 gültig ist, auch zwei Schwerpunkte. Und zwar zum einen den Ausbau der Neben- und Regionalbahnen und zum anderen den des Nahverkehrs in und um Ballungsräu- me. In den nächsten Jahren investieren wir über zwei Milliarden Euro in Streckenattraktivierungen, die Modernisierung von Bahnhöfen und Haltestellen in ganz Öster- reich und in zeitgemäße Kund:inneninformationssysteme. Bei einer Pressekonferenz im Jänner haben Sie das große Bild für den zukünftigen Ausbau präsentiert. Stichwort: Zielnetz 2040. Bitte um eine kurze Skizze. MATTHÄ: Das Zielnetz 2040 ist so etwas wie das Herzstück der wirtschafts- und klimafreundlichen Mobilität in Österreich. Denn um das prognostizierte Verkehrswachstum bewältigen zu können und gleichzeitig unsere Klimaziele zu erreichen, müssen die Kapazitäten auch in den kommenden Jahren massiv ausgeweitet werden. Nur dann können wir Engpässen in den entscheidenden Mobilitätssegmenten entgegenwirken. Dort haben Sie auch von Wien – München in 2 Stunden 30 Minuten gesprochen. Wie soll das gehen? Ist dann der Zug brutto wirklich mit dem Flugzeug konkurrenzfähig? MATTHÄ: Das ist richtig. Wir haben im Zielnetz 2040 mit der Innkreisbahn ein völlig neues Projekt aufgenommen, das die Fahrtzeit von Wien nach München auf zweieinhalb Stunden verkürzen wird. Bei dieser Fahrtzeit würden sicher viele Men- schen lieber mit der Bahn von Stadtzentrum zu Stadtzentrum fahren statt mit dem Flugzeug zu fliegen. Was wir dem Flugzeug voraushaben, ist der Antrieb mit Energie aus nachhaltigen Quellen. Auch da haben wir ein ambitioniertes Programm, nämlich den Anteil des eigen- produzierten grünen Bahnstroms massiv auszubauen. Wie entwickelt sich dieses Vorhaben? WALDNER: Wir haben im letzten Jahr unsere Energiestrategie noch einmal nachgeschärft. Das neue Ziel ist es, den Eigenver- sorgungsanteil bezüglich Bahnstrom in den kommenden Jahren von derzeit 60 auf 80 Prozent zu steigern. Mit diesem Mehr an Selbstversorgung wollen wir mehr Unabhängigkeit erreichen und gleichzeitig den heimischen Energiemarkt und das Ener- gienetz entlasten. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, werden wir bis 2030 rund 1,6 Milliarden Euro investieren. > »Beim Semmeringtunnel konnten wir im Herbst den Durchschlag feiern, aktuell sind rund 97 Prozent der gesamten Tunnelstrecke gegraben.« ANDREAS MATTHÄ MANUELA WALDNER. „Der Brenner ist unser komplexestes Tunnelprojekt. Es sind zwei Staaten mit unterschiedlichen Standards und Vorgaben in der Bahntechnik und im Bauprojektmanagement beteiligt“
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