ÖBB Geschäftsbericht 2023

Verlässlich in die Zukunft 34 Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Investitionen fließt in die Digitalisierung der Bahn. Was dürfen wir uns darunter vorstellen und was davon ist schon auf Schiene? WALDNER: Die Digitalisierung des gesamten Bahnbetriebs ist für uns substanziell, wenn wir unsere Kapazitätsziele erreichen wollen. Das aktuell wichtigste Digitalisierungsprojekt ist dabei das Automated-Resource-Planning (ARP), mit dem wir die kon- zernweite Produktionsplanung Schritt für Schritt zu einer inte- grierten, rollierenden Planung weiterentwickeln. Parallel dazu laufen aber natürlich auch noch große teilkonzernspezifische Digitalisierungsprojekte: In der Infrastruktur AG ist das der digi- talisierte Bahnbetrieb und in der Rail Cargo beispielsweise die digitale Logistikplattform „MIKE“, mit der wir Verkehre deut- lich einfacher, transparenter und effizienter abwickeln können. Klar ist, dass uns alle Digitalisierungsmaßnahmen dabei helfen werden, unser volles Potenzial auszuschöpfen. Dass sich das Klima verändert ist evident. Ist der Klima- wandel für den Betrieb spürbar? Und wie bereiten sich die ÖBB auf die zu erwartenden Entwicklungen vor? MATTHÄ: Wir merken das an allen Ecken und Enden. Der Klimawandel hat massive Auswirkungen auf unsere Infrastruk- tur. Wir werden heute sowohl beim Neubau als auch bei der Instandhaltung unserer Strecken die geänderten klimatischen Bedingungen berücksichtigen müssen. Ich nenne hier exemp- larisch nur Gleisverformungen durch lange Hitzeperioden oder den Ausfall von technischen Anlagen durch Starkregen. Dazu kommen „einfache“ Anforderungen wie stärkere Klimaanlagen in den Zügen, ohne die diese in Zukunft während der Sommer- monate nicht mehr betrieben werden können. Wird aus Sicht der ÖBB für die Erreichung der Klimaziele genug unternommen und wo und in welcher Hinsicht könnte die ÖBB noch Unterstützung gebrauchen, damit sie noch mehr dazu beitragen kann? MATTHÄ: Einer der, wenn nicht der wichtigste Beitrag zur Er- reichung unserer Klimaziele ist der Ausbau der Schiene, weil der Verkehrssektor in puncto CO 2 -Ausstoß nach wie vor eines der größten Sorgenkinder ist. Und da sind wir in Österreich mit unseren Infra- strukturausbauten über die Rahmen- pläne durchaus vorbildhaft unterwegs. Damit wir in diesem Bereich aber auch perspektivisch an der Spitze bleiben, ist das zuvor angesprochene Zielnetz 2040 notwendig. Denn erst die Umsetzung der darin enthaltenen Projekte wird den endgültigen Durchbruch für den Schie- nenverkehr ermöglichen. Gerade im Güterverkehr sind die Rahmenbedingungen für den Wett- bewerb zwischen Schiene und Straße noch lange nicht fair. Was ist dafür erforderlich und warum bewegt sich hier noch wenig? MATTHÄ: Der Güterverkehr entwickelt sich leider tatsächlich in die falsche Richtung. In Österreich und in ganz Europa verlieren die Bahnen immer weitere Anteile an Transportmengen. Die Wettbewerbssituation hat sich aufgrund der Energiepreisentwicklungen noch verschärft. Diesel ist billig geblieben – das bevorzugt die Straße und den Lkw. Der Strompreis ist anhaltend hoch, ein zusätzlicher Nachteil für den Schienengüterverkehr. Es war ein hartes Jahr für die Güterverkehrssparte. Wo stehen wir und warum ist das so? WALDNER: Der Mengenrückgang im Schienengüterverkehr ist leider wirklich in allen Segmenten zu beobachten: am stärksten sicher im Einzelwagenverkehr, aber eben auch bei den Ganz- zügen und auf der Rollenden Landstraße (RoLa). Das ist schon ein eindeutiges Indiz dafür, dass es hier keinen ausgeglichenen, fairen Wettbewerb zwischen den Verkehrsträgern gibt. Das beginnt beim Dieselpreis, der wieder auf das Niveau von 2019 zurückgefallen ist, während der Strompreis immer noch dreimal höher ist als vor COVID. Das liegt aber auch an der flächende- ckenden Maut im Schienenverkehr, während der Lkw-Verkehr in weiten Teilen Europas gar keine Maut bezahlen muss. Ganz zu schweigen von den Kosten für Unfälle, Staus, Verkehrskontrol- len, die auf der Straße zur Gänze von den Steuerzahler:innen ge- tragen werden – auf der Schiene hingegen von den Eisenbahn- verkehrsunternehmen. Aber um auch das Positive zu sehen: Wir haben zuletzt erfolgreich auf multimodale Transportlösungen gesetzt, um unseren Kunden einen optimalen Mix der verschie- denen Verkehrsträger anbieten zu können. Und mit der bereits angesprochenen digitalen Logistikplattform „MIKE“ konnten wir ANDREAS MATTHÄ UND »Der Klimawandel hat massive Auswirkungen auf unsere Infrastruktur. Wir merken das an allen Ecken und Enden.« ANDREAS MATTHÄ

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