ÖBB Geschäftsbericht 2023
51 Konzern- lagebericht Europäische Wirtschaftsentwicklung Ähnlich wie die Weltwirtschaft erwies sich auch die europäische Wirtschaft im Jahr 2023 überraschend resilient. Zwar war die Binnennachfrage insbesondere beim Privatkonsum aufgrund der hohen Inflation eher schwach. Jedoch kamen vom außergewöhnlich starken Arbeitsmarkt und den sinkenden Energiepreisen positive Impulse. Als Folge der geldpolitischen Straffung gingen auch die Kreditvergabe und damit einhergehend die Investitionen zurück. Insgesamt lag das Wirtschaftswachstum in der EU nach aktuellem Stand 2023 bei 0,6%. Für 2024 wird ein Wachstum knapp über 1,0% erwartet. Tendenziell ist eine Umkehr des Trends der Prä-COVID-19-Jahre zu erkennen. Die erwarteten Wachstumsraten sind in südeuropäischen Ländern wie Spanien und Griechenland höher als beispielsweise in Deutschland und Österreich. Wirtschaftsentwicklung in Kernmärkten der RCG 2022 bis 2024 (Änderungen gegenüber dem Vorjahr in % real) Bruttoinlandsprodukt Industrieproduktion 2022 2023 2024 2022 2023 2024 Österreich 4,8 -0,5 0,3 6,8 -0,6 -0,3 Ungarn 4,6 -1,0 2,4 6,0 -5,1 3,4 Deutschland 1,9 -0,2 0,1 -0,4 -0,8 0,1 Italien 3,9 0,7 0,6 0,4 -2,3 1,2 Rumänien 4,2 2,3 3,2 -2,0 -4,4 2,7 Tschechien 2,4 -0,5 0,8 2,7 -0,8 0,8 Slowenien 5,7 1,7 2,0 1,2 0,0 3,4 Bulgarien 3,8 1,7 1,6 12,8 -8,6 3,2 Kroatien 6,3 2,8 1,2 1,6 0,4 1,7 Slowakei 1,7 0,5 1,1 -3,8 -0,9 0,9 Polen 5,6 0,3 2,6 10,9 -2,0 0,9 Griechenland 5,9 2,1 1,1 2,3 1,3 1,2 Serbien 2,3 2,0 3,0 -0,8 0,3 4,5 Quelle: Statistik Austria, Oxford Economics, WIFO, Weltbank. Die europäische Wirtschaft 2023 war weiterhin mit hohen Inflationsraten konfrontiert. Die restriktive Geldpolitik seitens der EZB und den anderen Zentralbanken in der EU trägt jedoch Früchte. In der Eurozone sank die Inflationsrate (laut HVPI) deutlich von 8,4% auf 5,6%. In den europäischen Ländern außerhalb der Eurozone war die Inflation teilweise noch höher. Beispielsweise lag die durchschnittliche Inflation in Ungarn und Polen noch bei 17,2% bzw. 11,1%. Ursprünglich waren die hohen Energiepreise zu einem Gutteil für die Inflation verantwortlich, mittlerweile ist es jedoch ein deutlich größerer Teil des Warenkorbes, der die Inflation treibt. So betrug die Kerninflation (ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak) im Kalenderjahr 2023 in der Eurozone 5,1%. Als Reaktion auf die hohe Inflation wurde der EZB-Leitzins weiter schrittweise von 2,5% zu Jahresbeginn auf 4,5% ab September 2023 erhöht. Der Markt erwartet jedoch, dass der aktuelle Zinssatz von 4,5% nicht überschritten wird. Mit einem Abkühlen der Inflation sind aber eventuell schon ab der Mitte des Jahres 2024 Zinsschritte nach unten möglich. 8 Das Schreckensszenario einer Gasknappheit im Winter 2022 / 23 infolge des Ukrainekrieges realisierte sich nicht. Ein milder Winter sowie Energiesparmaßnahmen in Europa drosselten den Gasverbrauch zwischen August 2022 und Jänner 2023 um 19% im Vergleich zu derselben Periode im Vorjahr. Darüber hinaus wurde der Import aus anderen Ländern (wie z. B. den USA und Katar) auf dem Seeweg verstärkt. Russland bleibt jedoch mittelfristig eine wichtige Gasquelle für Europa. Aufgrund des Merit-Order-Systems schlugen sich die weltweit hohen Gaspreise auf die Strompreise in weiten Teilen Europas nieder. So lag der deutsche Strompreis für Nichthaushalte im 1. Halbjahr 2023 um 138,0% über dem Wert im ersten Halbjahr 2021. Zwar lag der Strompreis in der zweiten Jahreshälfte 2023 deutlich unter dem Krisenniveau im Winter 2022 / 23, jedoch gehen die Märkte mittelfristig von einem anhaltend höheren Strom- und Gaspreis in Europa aus. 9 Die hohen Energiepreise und die gestiegenen Finanzierungskosten schlugen sich auch in der Industriekonjunktur nieder. Die Industrieproduktion in der Eurozone verringerte sich im Jahr 2023 um 1,0%. Besonders heftig traf es die energieintensiven Branchen wie Holz, Papier und Chemie, in denen die Wertschöpfung real um 7,0% bis 10,0% zurückging. Der Ausreißer unter den Industriebranchen ist die Autoindustrie. Sie erzielte 2023 eine 11,0% höhere Wertschöpfung im Vergleich zum Vorjahr, lag damit aber trotzdem noch unter dem Vorkrisenniveau von 2019. Die Industrie strauchelt insbesondere in Deutschland und Italien bei den beiden größten Handelspartnern Österreichs. Die deutsche Industrie hat sich seit 2019 signifikant schlechter als der Eurozonenschnitt entwickelt und konnte auch 2023 nicht den realen Vorkrisen- Output erreichen. In Italien ging der industrielle Output 2023 um 2,3% zurück. 10 8 Europäische Kommission, EZB. 9 Tagesschau, destatis, Oxford Economics. 10 Oxford Economics, Europäische Kommission. LB6 |
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