railaxed - HERBST 2023

der Zeit, als Bratislava noch den deutschen Namen Pressburg trug. Zwar verläuft sie parallel zur bekannteren Fußgängerzone, wird allerdings von Tourist:innen selten entdeckt. Beinahe alle Gebäude, die sie säumen, sind Teil des Kulturerbes. Hier, wo die Menschen jahrelang nicht nur Slowakisch, sondern auch Deutsch, Ungarisch und Jiddisch sprachen, kann man das multikulturelle Erbe Bratislavas aufsaugen. Vor Ort sollte man im Vorbeigehen auch einen Blick ins „Albrecht Forum“ („Dom Albrechtovcov“) werfen: Eine Bürgerinitiative lässt in diesem Gebäude gerade eine kleine Oase der Hochkultur mitten in der Stadt entstehen. Ebenfalls auf der Must-see-Liste steht die Blaue Kirche (oder Sankt-Elisabeth- Kirche, Kostol svätej Alžbety), die einige Schritte abseits des Innenstadtkerns in einem aufstrebenden Viertel liegt. Einen Spaziergang, vielleicht auch kombiniert mit einer kulinari- schen Pause im „Otto!“ oder einem Kaffee- stopp im besten Café, dem „Goriffee“, würde ich wärmstens empfehlen. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen der Stadt meiner Kindheit und dem heutigen Bratislava. Das Graue, Düstere ist weg – ebenso wie das Dasein am Rand von Sperrgebiet und Stachel- draht, die einst Ost und West trennten. Heute ist das Gegenteil der Fall, es ist eine offene, sehr bunte, aber auch reiche Stadt geworden. Wer zwischen dem alten und dem neuen Bratislava eine Pause braucht, dem empfehle ich, was ich gerne gemeinsam mit meiner Frau und meinen drei Kindern tue: Einfach einen Oberleitungsbus – wir nennen ihn Trolleybus – nehmen und auf den nur 20 Minuten entfernten Berg Koliba fahren. Oder man macht einen Abstecher zu unserem Lieblings- see Zlaté piesky („Goldene Sande“), der Erholung pur bietet. Beides ist eigentlich noch innerhalb Bratislavas, aber man fühlt sich gleich wie in einer anderen Welt. MICHAL HVORECKY Zur Person Der 46-jährige, vielfach ausgezeichnete Autor, Übersetzer und Leiter der Bibliothek des Goethe-Instituts Slowakei liebt „seine“ Stadt. Hier ist er nicht nur geboren und auf­ gewachsen, sondern hierher kehrte er auch nach einigen Jahren im Ausland wieder zurück. Wenn er nicht mit seinen Büchern auf Lese- reise ist, trifft man ihn mit seiner Frau und den drei Kindern in der Natur am Stadtrand oder in den Bergen an. Zwischenstopp in der Altstadt: der schöne Martins- dom mit seinen Katakomben. Gemütlich durch die Altstadt schlendern: Das mittelalterliche Flair lässt sich Tag und Nacht genießen. Mix aus Alt und Neu Zurück im Zentrum wartet an der sehens- werten Donaupromenade die gerade erst fertiggestellte Slowakische Nationalgalerie (SNG) mit ihren frisch restaurierten Räumlich- keiten. Ideal, um slowakische Kunst kennen- zulernen und bemerkenswerte Architektur zu bestaunen. Die SNG hat einen historischen Kern, wurde aber in der sozialistischen Zeit mit einer Überdachung versehen und er- weitert. Heuer wurde die Rekonstruktion endlich fertig, jetzt ist sie ein wunderbarer Mix als Alt und Neu. Ein echtes Highlight! Wenn wir schon bei Kultur sind: Das Kultur- zentrum „Nová Cvernovka“ zeigt den Umbruch unserer Stadt sehr deutlich. Das bis vor Kurzem leer stehende Gebäude am Stadtrand hat sich in den letzten Jahren von einer Ruine zu einem wunderbar lebendigen Ort der jungen Szene entwickelt. Es ist ein regelrechter Hype darum entstanden. Man geht hier gerne hin, um den Abend bei einem Getränk ausklingen zu lassen. In der ehemaligen Chemieschule gibt es Ateliers, aber auch einen Veranstaltungssaal und ein Freiluftareal. Mein Geheimtipp: die Event-Location „T3“ („T3 – kultúrny prostriedok“) im Stadtteil PetrŽalka. In einem Viertel, das früher proble- matisch, verlassen und heruntergekommen war, hat man dank Bürgerinitiativen eine lebenswerte, moderne und angenehme Gegend mit einem Naherholungsgebiet an der Donau geschaffen. Das „T3“ ist ein Teil davon: Die ausrangierte Straßenbahn auf einem verlassenen Parkplatz wurde zu einer Bühne für Konzerte umfunktioniert. In den kälteren Monaten geschieht alles im Waggon, bei gutem Wetter steht, sitzt und tanzt das Publikum draußen. Es ist ein besonderer Ausklang eines Bratislava-Besuchs, hier einem Konzert zu lauschen! • Architektonisches Mahnmal Bratislavas mit Blick auf die Burg: die SNP-Brücke mit dem UFO-Aussichtsturm. Ab Wien geht’s zweimal pro Stunde mit den REX-Zügen des Nahverkehrs nach Bratislava. Unser Tipp: das Bratislava-Ticket, das für den gesamten grenzüber- schreitenden Nahverkehr sowie als Tageskarte für den öffentlichen Stadtverkehr in Bratislava gilt. Von West- und Südösterreich aus erreicht man die slowakische Hauptstadt mit Umstieg in Wien Hauptbahnhof bzw. vom Westen mit dem RJX 167 auch direkt. Infos: oebb.at/bratislava Tipp Parenica heißt die gerollte, slowakische Käsesepzialität, die Besucher:innen unbedingt probieren sollten. Alt und Neu im gekonnten Mix: So zeigt sich die frisch restaurierte Slowakische Nationalgalerie. 34 35 railaxed Herbst 2023 Fotos: Shutterstock/David Vadkerti (links), Visit Bratislava (rechts oben), Martina Simkovicova (Porträtfoto) Fotos: Visit Bratislava (links oben), Shutterstock/Rasto SK (rechts oben), Shutterstock/berni0004 (links unten)

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