railaxed - HERBST 2023

Beton statt Erde: Äcker und Wiesen verschwinden in einem erschreckenden Ausmaß – und mit ihnen die Quellen unserer gesunden Nahrungsmittelversorgung. Die Boden- zerstörung und ihre Folgen Gastkommentar – Olivia Herzog ine Betonlawine überrollt Österreich und bedroht unsere Lebensgrundlage Boden“, warnt Olivia Herzog, Biodiversitäts- expertin bei Greenpeace in Österreich, „unsere regionale Nahrungsmittelversorgung ist gefährdet.“ Die neuesten Zahlen zeigen, dass in Österreich 2022 fast 48 Quadratkilometer kostbare Wiesen, Wälder, Seeufer und Felder verbaut, versiegelt und beansprucht wurden. Damit steigt der Bodenverbrauch im Vergleich zum Vorjahr und entspricht einem Verlust von etwa 13 Hektar oder 18 Fußballfeldern täglich – Forststraßen mitein- gerechnet. Die Folgen sind gravierend: Äcker, die unsere Versorgung mit Gemüse, Getreide und Ölen sicherstellen, verschwinden zunehmend. Felder und Wiesen werden zerstört, der Boden kann nicht mehr „atmen“ und folglich kann kein Austausch mehr mit den Gasen und der Luft der Oberfläche stattfinden. Tiere, Pflanzen und Pilze verlieren ihren Lebensraum. Und zwar nicht nur die „sichtbare Tierwelt“ wie Ziesel, Hasen und Fasane, sondern auch die „unsichtbare“ wie eine Vielzahl an E Olivia Herzog (31) ist gebürtige Waldviertlerin und Sozialökologin. Sie setzt sich als Expertin für Biodiversität bei Greenpeace für den Schutz der vielfältigen Lebensräume wie Wald, Meere und Boden ein. Kleinstlebewesen und Mikroorganismen, die den Boden lockern und für nährstoff- reichen Humus sorgen. Selbst Natur- katastrophen wie Trockenheit und Überschwemmungen werden verstärkt, da das Regenwasser nicht mehr im Boden einsickern kann. Zur Veranschau- lichung: Ein Hektar Boden kann 15.000 Badewannen voll (Regen-)Wasser aufnehmen. Versiegelter Boden ver- hindert allerdings das Einsickern, was bei zunehmendem Starkregen flutartige Überschwemmungen fördert. Zerstörter Boden kann im Umkehrschluss aber auch kein Regenwasser speichern, was – in Kombination mit der Klimakrise – zu Wasserknappheit und Dürren führen kann. Shoppingcenter statt Herbstwiese Mit 1,6 Quadratmetern Verkaufsfläche pro Kopf liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld. Der Bau von Shopping- tempeln und Gewerbeparks hat sich zwischen 2000 und 2019 von 113 auf 264 mehr als verdoppelt. Während die Einkaufszentren an Stadt- und Orts- rändern sprießen, sperren immer mehr kleine Geschäfte in den Zentren zu. Das traurige Ergebnis sind verwaiste Orts- bzw. Stadtkerne. Auch imposant im unerfreulichen Sinne: Mit knapp 15 Metern Straße pro Kopf führt Österreich in Europa mit dem dichtesten Straßen- netz. Hierzulande sind Landschaften, Wildtierrouten und Grünflächen von Straßen zerschnitten wie kaum anderswo. Das Netz aus Autobahnen, Bundes- straßen usw. erstreckt sich insgesamt auf 127.500 Kilometer – mehr als drei Erdumrundungen am Äquator. Auch in Bezug auf leer stehende und ungenutzte Gebäudeflächen kann Österreich „auf- zeigen“: Schätzungen belaufen sich auf mindestens 50.000 Hektar. Zum Ver- gleich: Wien hat eine Fläche von 41.460 Hektar. Weil es billiger ist, neu zu bauen, werden bereits genutzte Flächen nicht Veränderung der Flächeninanspruchnahme in Österreich pro Nutzungskategorie von 1987 bis 2022 (Referenzjahr 1987 = 100 %, *Referenzjahr 1997, ** Referenzjahr 2012) Rund zwei Drittel der ehemaligen Agrarflächen sind von menschlicher Infrastruktur wie Betriebsgebieten, Halden- und Deponieflächen, Verkehrsinfrastruktur sowie Bauflächen für Gebäude und Freizeitanlagen überzogen. Das restliche Drittel verschob sich in Krummholzflächen, Wälder oder vegetationsarme Flächen. 48 49 railaxed Herbst 2023 Greenpeace Fotos:Greenpeace/Mitja Kobal, Greenpeace, Shutterstock/Mkfilm Versiegelter Boden verhindert das Einsickern des Wassers, was bei Starkregen zu flutartigen Überschwemmungen führen kann.

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